Kategorie: Das besondere Wort

Das besondere Wort 6/2017 – Gemeine

Mit meinen geplant monatlichen „Das besondere Wort“-Beiträgen bin ich ja ziemlich ins Hintertreff geraten. Dabei begegnet man so vielen interessanten Worten von Woche zu Woche, zum Beispiel „Hintertreff„.

Hieße es „Hinterntreff“, dann wäre zu überlegen, ob es sich um das Treffen von Är***en handelt oder einen gut platzierten Ar***tritt. Das Wort leitet sich von einer militärischen Situation ab, in der am Kampf nicht beteiligte, in den hinteren Reihen positionierte Soldaten keinen Anspruch auf Beute haben. Sie bekommen ihren Ar***tritt also durch die Negation eines Anspruchs.

Ob es nun die Qual der Wahl (Mangel an Urteilskraft) war oder der Mangel an Mut (und Motivation), die mich einige besondere Worte schuldig bleiben ließ, ich kann es nicht sagen. Selbstverschuldet ist das Fehlen der Beiträge aber allemal, dazu braucht man gar nicht Kant zu befragen – was im übrigen nicht mehr direkt möglich ist, weil 1804 … aber lassen wir das, „es ist gut„.

Anlässlich der Einführung des großen scharfen S, das mir persönlich schon lange, laaange gefehlt hat, möchte ich mich heute den Buchstaben zuwenden.

Wie ich feststellen musste, gibt es nicht nur unter den Menschen die gemeinen, sondern auch unter den Lettern. Die Gemeinen oder Minuskeln sind die Kleinbuchstaben. In Druckschrift mag ich sie nicht so gerne, weil ich sie verwackle, nicht schön symmetrisch hinbekomme. In Schreibschrift und auf der Tastatur benutze ich sie selbstverständlich dauernd, aber mit der Hand geschrieben bevorzuge ich dann doch die Majuskeln. Die klingen ja auch gleich viel majestätischer, nach Popeye-Muskelprotz und Biene Maja zugleich.

Die Majuskeln waren es auch, die mich auf diesen Beitrag brachten, ist doch ihr zweiter Name Versalien. Ist das nicht schön? Klingt nach Versailles und Ludwig XIV und barock-dekadentem Pomp, Geschichtsunterricht mit vielen Anekdoten und der Sturm und Drang Zeit der Jugend. O.K., diese Assoziationen weckt das Wort vielleicht nur bei mir, weil ich die Geschichtestunden, in denen wir über den Sonnenkönig lernten sehr interessant fand und kurz darauf auch Versailles selbst besichtigte.

vesailles.jpg
L’etat c’est moi – so führen sich bis heute einige Staatsoberhäupter auf.

Versal kommt vom lateinischen versus, der Wendung, der Furche. Der Versbeginn wurde zur Hervorhebung groß geschrieben. Der Versal zeigt dies an, gefolgt von den Gemeinen. Gemeine Vasallen dagegen waren Gefolgsleute, die im Schutze eines Herren oder Königs standen. Wurde letzterer bedrängt, schritten die Vasallen ein.

Übrigens: Was sagt ein VERSAL, wenn es von den Minuskeln bedrängt wird? – Ihr seid so gemein!

Und was rufen die Kleinbuchstaben, wenn ein Gedicht daherkommt, das nur in Großbuchstaben geschrieben ist? Genau: „Vers-Alien!“

So, mit diesen grottenschlechten Witzen verabschiede ich mich für heute, wobei „grottenschlecht“ nicht damit zu tun hat, dass sich der Witz besser in einer Felshöhle, also einer Grotte verstecken sollte, sondern angeblich vom schwäbischen Grodd für Kröte stammt. Ob einer Kröte schlecht wird, wenn sie lahme Witze hört? Nun, darüber können wir uns ein andermal den Kopf zerbrechen.

 

 

Das besondere Wort 3/2017 – Weltschmerz

katze-cone

Weltschmerz ist nichts Greifbares. Er kann wohl nur erfühlt, vielleicht sogar nur erahnt oder erlitten werden. Ein nicht körperlicher Schmerz, der die ganze Welt umfasst, wobei die ganze Welt gerade Mal bis zum eigenen Horizont reicht.  Ein Schmerz, der so tief wurzelt und greift, dass er den Menschen aus seiner Verankerung reißt und ihn, einem hilflosen Spielball gleich, in die beängstigenden Weiten der Gegenwart und die Unbill einer noch viel düstereren Zukunft wirft.

So würde ich Weltschmerz beschreiben. In etwa.

Es könnte aber auch der Schmerz sein, den die Welt empfände, wäre sie ein empfindsames Wesen. Wäre sie ein waschechter Österreicher (wie auch immer der wohl aussehen möge) würde sie sich angesichts ihrer vielen, vielen, ach unendlich vielen Wehwehchen sofort (und zurecht) krankschreiben lassen: Burn-Out, mindestens.

Die Welt zugleich als Patient auf der Intensivstation und auf der Wiener Couch bei Freud und seinen geistigen Nachkommen. Tiefen sind vorhanden, Untiefen erst recht. Psychologisch müsste dann aufgearbeitet werden, was anders nicht mehr zu retten ist. Aber wer und wo wären die Eltern? Eine Spirale des Leidens, der Übertragungen, ohne Anfang und Ende? Der Weltschmerz passt einfach auf keine Kuhhaut*).

Aber die Welt selbst kann ja nicht krank werden oder wehklagen. Also doch wieder zurück zum Menschen, der an der Welt erkrankt ist (und nicht umgekehrt):

Im Wörterbuch der philosophischen Begriffe von 1955 (erschienen im Felix Meiner Verlag) wird Weltschmerz mit

„depressive Verstimmung, die sich in einer Überempfindlichkeit gegen die Übel der Welt kundtut und für die Pubertät besonders charakteristisch ist“

erklärt.

Ebenso stark wie bei pubertierenden Jugendlichen ist der Weltschmerz auch bei sehr kleinen (trotzenden) Kindern ausgeprägt. Er äußert sich in einem plötzlichen Weinen, das beispiellos ist und manchmal nicht nur das Kind nach Luft schnappen lässt. Zum Beispiel dann, wenn die Mutter beim Anziehen hilft, obwohl keine Hilfe erwünscht war oder die die Schwester mit dem Lieblingsplüschtier spielen will, das aber doch nur von einem selbst durch die Luft gewirbelt werden darf.

Weltschmerz hat viele leidende Gesichter, leise und sehr laute.

Auf Wikipedia lernen wir, dass

„Weltschmerz […] ein von Jean Paul geprägter Begriff für ein Gefühl der Trauer und schmerzhaft empfundener Melancholie [ist], das jemand über seine eigene Unzulänglichkeit empfindet, die er zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt, der bestehenden Verhältnisse betrachtet. Er geht oft einher mit Pessimismus, Resignation oder Realitätsflucht […]“

Unzulänglichkeit – noch so ein besonderes Wort.

Unsere Sprache erscheint angesichts der Dinge, die in der Welt – „da draußen“ – passieren und der Gefühlswogen, die tief in uns drinnen über uns zusammenschlagen, manchmal unzulänglich. Sie reicht nicht an das heran, was sie zu beschreiben, erklären oder zu vermitteln versucht.

Und manchmal sind die sprachlichen Versuche, solche inneren und äußeren Zustände einzufangen, sehr unterschiedlich. Im Englischen ist ein einziges kleines Wörtchen ausreichend, um mindestens drei verschiedene Arten des Schmerzes zu beschreiben:

It hurts

I hurt you

I hurt

Zu Deutsch:

Es schmerzt, es tut weh

Ich tue dir weh, ich verletze dich (aktiv)

Ich leide (passiv)

Ein Satz, so kurz und doch voll von so viel Leid, dass das Deutsche erst den Weltschmerz aufbringen musste, um etwas Ebenbürtiges vorzuweisen:

I hurt

Dort wo die Schmerzgrenze überschritten ist, beginnt der Weltschmerz, aber hoffentlich nicht die Resignation.

Und weil es so schön traurig und hoffnungsfroh zugleich ist – der Sonnenschein nach der Melancholie, vertont


Und noch der Song (in der Version aus der Musical-Episode von Grey’s Anatomy),  der mir eigentlich ursprünglich zum heutigen Blogthema einfiel, da er aus der Hilflosigkeit im Angesicht von jugendlichem Weltschmerz entstanden sein soll: Eine der schwierigsten Fragen, denen wir uns stellen können – Wie kann man ein Leben retten?


*) Und übrigens auch nicht auf die Haut der anderen über 800 Millionen Tiere, die jährlich in Deutschland und Österreich geschlachtet werden. Aber das ist eine andere, sehr traurige Geschichte.

Das Jahr der Worte

„post-truth“ ist, wie es mir nach allen Fakten scheint, das internationale Wort des Jahres 2016. Auf Deutsch „postfaktisch“. Keine objektive Politik (haha!) mehr, sondern Appelle und Handlungen basierend auf Emotionen und persönlicher Meinung statt auf Fakten. Faktisch haben mir die Worte in letzter Zeit eher … Das Jahr der Worte weiterlesen