Monat: September 2017

12 Monate (8) – Gipfel|treffen

Da klopft er also an die Tür, mein falscher letzter Sonntag im Monat September.

Letztes Wochenende war er, morgen fängt ja schon der Oktober an. Aber das muss ich euch nicht erzählen, das wisst ihr alle selbst. Nur ich wusste es nicht, letzte Woche, sonntags.

Ein Blick in den Kalender hätte genügt. Den Blick habe ich aber nicht gewagt. Stattdessen habe ich geputzt.

Mich fein heraus?

Nein (leider nicht). Dafür einen ganzen Tag lang etwas, das ich nun an eine jüngere Generation weitergeben werde. Abends glänzte alles. So gut wie. Was sich mit einem Tagwerk (ohne Kinder, ergo voll konzentriert) halt so bewerkstelligen lässt. Erinnerungen wurden abgestaubt, aufpoliert oder auch beiseite gelegt – zu den Dingen, die nun wirklich nur noch in verblassenden Gedanken aufbewahrt werden. Eine Zeit lang. Irgendwann werden sie völlig verschwinden, so wie ihre Hülle jetzt im Karton für den Restmüll.

Das anschließende Treffen war Wiedersehen, Neuanfang und Abschied zugleich. Wehmut und Aufregung.

Falsche Vorfreude.

Dieses Mitfiebern bei den großen Schritten im Leben der Menschen die uns nahestehen, ist auch ein Teil des eigenen Lebens. Aber es hat etwas Unvollendetes an sich.

Während meine große Schwester für ihre Reifeprüfung lernte, war ich wohl auch etwas angespannter und nervöser als sonst. Dann kam der große Tag und für sie war es danach geschafft. Wir freuten uns alle mit ihr, aber für mich fehlt eigentlich bis heute das Gipfelerlebnis. Und nun passierte es wieder (einmal). Da nimmt man sich einer alten Sache an, putzt sie schön heraus, repariert, was nicht mehr geht, und freut sich am Schluss, dass das Ding doch noch recht nützlich ist und hübsch aussieht. Endlich kann es wieder gebraucht werden, aber … ja, ABER man selbst ist es nicht, der sich daran erfreuen wird. Man selbst reicht es nur weiter und damit ist es weg. Etwas weiter zu geben ist auch eine schöne Erfahrung und doch ist es ein bisschen so, als würde man einen Berg erklimmen und in dem Moment, wo man nach all den Strapazen endlich die Aussicht genießen will, heißt es: „So, Danke, das war’s. Bitte zurückgehen, Sie kennen den Weg ja.

Was das alles mit unserem Kirschbaum im September zu tun hat? Eigentlich gar nichts. Aber es ist der Grund, warum ich tatsächlich auf ihn vergessen habe, letzten Sonntag, als es Zeit war für einen neuen Beitrag zu Zeilenendes Fotoprojekt „12 Monate“.

Jetzt also mit fast einer Woche Verspätung ein paar (Baum)Gipfelbilder aus dem Garten:

 

baumsept3
Wenn man sich nur auf eines fokussiert, den Weg (Stamm) ODER den Gipfel (Krone), wird man blind für das andere

Alle bisherigen Beiträge zu dem Projekt gibt es unter der Kategorie 12 Monate.

Und all die sehenswerten Fotos der anderen Teilnehmer findet ihr direkt bei Zeilenende verlinkt und hier:

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365tageimleben erlebt ihr kleines grünes Wunder

Agnes dokumentiert die Baustelle der Groth-Gruppe am Berliner Mauerpark

Amerdale zeigt das Wohnzimmer

Arno von Rosen zeigt die Eiche in Nachbars Garten

babelpapa baut einen Balkon

frauholle52 blickt auf ihre Terrasse

Frau Rebis begleitet ihren Baum

Gerda Kazakou nimmt uns mit in ihr Atelier

Impressions of Life blickt auf Balkon und Garten

Lovely Rita Flowermaid zeigt die Discotasche

Meermond zeigt ihre Füße her

Mitzi Irsaj erinnert sich an den Ort, an dem 24 Olivenkerne im Münchner Rosengarten ruhen

Multicolorina rastet an einer Feldweg-Bank

 

Random Randomsen hat einen geheimnisvollen Baum gewählt

rina.p macht einen Hofgang

Rubinkatze blickt über die Dächer Münchens

solera1847 nimmt uns mit auf die Gartenbaustelle

Susanne Haun zeigt ihr Atelier

trienchen2607 richtet ihre Wohnung neu ein

Ulli blickt in die Weite

Wili lässt uns auf und in ihren schmucken neuen Topf gucken

wortgeflumselkritzelkram ist im Vorgarten

 

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Enten und die heiße Phase des kalten Krieges – Gedanken um 4 Uhr morgens

Früher nannte man es eine Ente. Sie tauchte gelegentlich in Zeitungen auf. Heute weiß man oft gar nicht mehr, ob man es überhaupt noch mit einem Vogel zu tun, wenn man das Gezwitscher wahrnimmt. Schräge Vögel sind es allemal, die zu jeder Tages- und Nachtzeit, ganz besonders … Enten und die heiße Phase des kalten Krieges – Gedanken um 4 Uhr morgens weiterlesen

abc-Etüden: Vorne und hinten

 

Noch sehr jung sind die Worte, die Wortsonate dieses Mal für Christianes abc-Etüden beigesteuert hat. Jung, wenn man ihre Verweildauer im Duden betrachtet, wobei es die Quadratscheißer im Gegensatz zu den Klugscheißern noch gar nicht dorthin geschafft haben. Schon da ist aber das herrliche Bild zu diesen interpretationsoffenen 3 und es kommt natürlich von  ludwigzeidler.de.

Der Streit zwischen den Quadratschädeln und den Quadratscheißern wuchs sich mit der Zeit zu einem wahrhaften Krieg aus.

Was hatte mehr Wert für die Gesellschaft?

Geradlinige Hinterlassenschaften für die Nachwelt oder die kantige Eigenschaft, der Gegenwart auch einmal unrund zu begegnen und die völlig symmetrische Stirn zu bieten?

Bei der ganzen Aufregung stießen sich die Quadratschädel langsam ihre Ecken ab, den Quadratscheißern aber stiegen ihre Werke so zu Kopf, dass diese nun zwar eckig wurden, ihre „Werke“ aber nur noch als ergebnisoffen zu bezeichnen waren, weit entfernt von der vorhersehbaren Perfektion früherer Zeiten.

Postfaktisch wurde schließlich behauptet, dass es schon immer nur Quadratschädel gegeben hatte, die Erinnerungen an die Quadratscheißer und alle Streitigkeiten verblasste.

Während die Quadratscheißer plötzlich nur noch in Schauermärchen auftauchten und höchstens noch nachts kleine Quadratschädel in Albträumen plagten, wurde in den Schul- und Geschichtsbüchern die ganz offensichtliche Gleichheit aller betont und ihr ewig währendes harmonisches Zusammenleben.

Bis eines frühen Morgens der kleine Obstinatus ganz aufgeregt seine Mama rief, weil er ihr unbedingt etwas zeigen wollte, was er soeben fabriziert hatte.

Nichtsahnend und schlaftrunken schlurfte Mama Quadratschädel in ihren rosa-grünen Plüschpantoffeln ins Badezimmer.

Ein gellender Schrei hallte durch das Morgengrauen und in den Häusern rundum stießen sich Quadratschädel den Kopf am Brett vorm selbigen, als sie von einem Schrei, geweckt erschrocken aus dem süßen Schlaf hochfuhren.

Danach war nichts mehr so wie davor – oder doch wieder alles beim Alten?

Heute lese ich …

über Zirkus, Tiere und Freiheit

über Wünsche und ihre Erfüllungen

darüber, wie aus Trauer Wut wird

Und das alles in einem einzigen, sehr netten Kinderbuch:

„Dodos Zirkusabenteuer“ von Serena Romanelli und Hans de Beer

Als meine Tochter das Buch in der Bücherei sah und mit nach Hause nehmen wollte, war ich nicht begeistert. Da meiner Ansicht nach Tiere im Zirkus nichts verloren haben (weil sie keine Unterhaltungsobjekte sind), lieh ich das Buch zwar wunschgemäß aus, hatte aber im Hinterkopf natürlich den Vorsatz, entweder das Buch die nächsten 3 Wochen links liegen zu lassen oder einiges an Erklärungen hinzuzufügen beim Vorlesen. Also ein paar Tierschutzgedanken einzubauen. Doch statt der befürchteten Verniedlichung des Lebens von Zirkustieren wurde ich ausgesprochen positiv von der Botschaft dieses Buches überrascht.

Das Zirkusabenteuer – ACHTUNG Spoiler! – besteht nämlich nicht darin, dass die Tiere tolle Erlebnisse im Zirkus haben, sondern dass es ihnen gelingt aus dem Zirkus zu fliehen und in den Dschungel zurückzukehren. Die Tiere sind in diesem Fall Affen, ein Papagei und ein kleiner Hund. Mir ist zwar bis zum Schluss etwas schleierhaft gewesen, woher Dodo eigentlich seine Geige hatte und vor allem, wie und wo er das Spielen erlernt hatte (Dodo ist nämlich – glücklicherweise – kein Zirkusaffe), aber das stört die Erzählung nicht. (Ich habe nun auch herausgefunden, dass es über das Geigenthema ein eigenes Dodo-Buch gibt und außerdem noch ein paar andere Abenteuer von Dodo.)

Die Geschichte ist nicht nur für Kinder spannend, sie ist unterhaltsam erzählt und vermittelt zugleich die Erkenntnis, dass das Leben im Zirkus für die Tiere kein Vergnügen und vor allem nicht artgerecht ist. Selbst der gehässige Papagei ist wohl eher einsam und verbittert als wirklich böse. Diese grausame Unfreiwilligkeit mit der Tiere zu „Artisten“ gemacht werden, schwingt als Unterton immer wieder mit (und führen zu Bildern wie diesem: *World Press Photo Award 2014 – Nature*, das aus der Fotorserie stammt, die u.a. hier zu sehen ist: The Last monkey man)

Das Buch hat uns allen sehr gut gefallen. Wenn ich die letzte Seite lese, auf der Dodo ganz für sich alleine im Urwald seine Geige spielt, dann erklingt bei mir im Hinterkopf „Somewhere over the rainbow„.

Ich kann das Buch Tierfreunden, Eltern von kleinen Kindern und Freunden von etwas kritischeren Kinderbüchern nur empfehlen.

orangutan
Mein Patenaffe als „Kleinkind“ bei Orang-Utans in Not