Kategorie: abc.Etüden

abc-Etüden: Hecken|schützen (Teil 2)

Und da mir das Paar rund um die Geschichte der Wortspende von wortgerinnsel zu Christianes Schreibeinladung nicht aus dem Kopf gehen wollte, noch eine kurze Fortsetzung und Aufklärung ;). Illustration von lz.

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Pissnelke?! Wie kommst du denn auf dieses hässliche Wort?“ rief sie schockiert und sah ihren Mann völlig verständnislos an.

Seine langen, schlanken Finger spielten ein wenig nervös mit den krümeligen Resten seiner Semmel auf dem Teller, während ein Lächeln über sein Gesicht huschte.

„Entschuldige, Liebes“, brummte er, ohne seine Augen vom Blumenbeet an der Straße zu nehmen.

„Ich wollte dich nicht echauffieren, aber der Hund des Nachbarn hat eben an deine rosa Nelken gepinkelt, jetzt müssen wir sie wohl Pissnelken nennen“.

Ein stimmloses Lachen entkam ihm, das ihn wie einen zappelnden Fisch an Land schweigend den Mund weit aufreißen ließ, ohne dass ein Ton zu vernehmen war.

Da konnte sie sich jetzt noch so verdrehen und versuchen, wütende Blicke über den Zaun zum Nachbarn zu werfen, ihren Federnelken würde fortan statt dem lieblich süßen Blumenduft nur noch der Gestank dieser kleinen Töle anhaften, da war sie sich sicher.

abc-Etüden: Hecken|schützen (Teil 1)

„Kann ein einziges Negatives zwei Positive umpolen?“, fragte er ohne sie anzusehen und knetete kleine Stücke seiner Frühstückssemmel bis sie ganz krümelig auf den Teller fielen.

Sie zog angewidert die Oberlippe zurück bis man ihre weiße Zahnreihe sehen konnte und seufzte, denn sie hatte, wie so oft, keine Ahnung wovon er sprach.

„Wovon sprichst du?“ fragte sie leicht genervt und war darauf gefasst, dass er nun anfangen würde, Worte so lange aneinander zu reihen und zu verdrehen, bis kein Mensch mehr verstand, worum es eigentlich ging.

Er aber kümmerte sich nicht um ihre Gereiztheit, sondern erklärte mit starrem Blick auf das Blumenbeet am Zaun: „Angenommen, du hast einen positiven Teil, einen negativen Teil und wieder einen positiven Teil – ist das Wort dann positiv oder negativ?“

Sie verstand noch immer nicht was er meinte und versuchte es daher einfach mit Raten, um dem Spuk ein Ende zu machen und den Urlaubstag, vor allem aber erst einmal das Frühstück auf der Veranda genießen zu können: „Plus mal minus ist minus, mal plus ist noch immer minus, also bleibt es trotzdem negativ“

„Dachte ich es mir doch“ murmelte er und schwieg.

Jetzt ließ es ihr keine Ruhe und sie fragte nach, um welches Wort es denn ginge.

Er räusperte sich und antwortete umständlich: „Erst nimmst du die Archimedes-Konstante in ihrer ganzen Schönheit, dann hängst du die unseligen Initialen der deutschen Prügelgarde des zweiten Weltkriegs daran und schmückst das ganze mit deinen Lieblingsblumen.

Die Kuppe ihres rechten Zeigefingers fuhr quietschend dem Rand ihres Glases Orangensaft entlang während sie angestrengt nachdachte und ganz langsam buchstabierte: „Pi – SS – Nelke„.

Entrüstet starrte sie ihn an.

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Die Wortspende von wortgerinnsel zu Christianes Schreibeinladung ist eine Herausforderung, die Illustration dazu wie immer von lz.

 

 

abc-Etüden: Etwas Chaos und der Schlag eines Schmetterlingsflügels

Meine Vergesslichkeit treibt so manche Blüte, nur Stil hat sie nicht. Die Organisation meiner Agenden hat enormes Verbesserungspotential nach oben. Zu manchen Worten fallen einem so viele Geschichten ein, dass man sie nur dosiert auf die Leserschaft loslassen will. Wenn man dann jedoch vergisst, die … abc-Etüden: Etwas Chaos und der Schlag eines Schmetterlingsflügels weiterlesen

abc-Etüden: Schina, Kinda!

Hoppla, da hatte ich ja noch etwas angefangen, aber nicht rechtzeitig fertig bekommen. Nun ja, dann muss ich es wohl ein bisschen adaptieren, was jetzt nicht so banal war, wie zu 45 noch 1 hinzuzählen, damit aus der Etüde der Textwoche 45 eine abc-Etüde der Textwoche 46 wird. Eingeladen dazu hat wie immer Christiane, die Grafik hat Herr lz (ludwigzeidler.de) beigesteuert und die – in diesem Ausnahmefall 6 Worte – kamen von Elke H. Speidel (transsilabia.wordpress.com) und Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com)

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„Mama, wusstest du, dass die in Deutschland Schemie und Schinesen sagen und nur wir in Österreich das als Kemie und Kinesen aussprechen?“

Das Mädchen dreht gedankenverloren ein leuchtend gelbes Ahornblatt zwischen seinen Fingern hin und her und stupst einen Feuerkäfer an, der den Baumstamm hinauf krabbeln wollte, aber nun vor Schreck erstarrt.

„Schina, Schemie, isch lach misch kringelig!“ ruft sie und sieht zu, wie das Ahornblatt lautlos, sich drehend zu Boden fällt.

„Sich kringelig lachen ist aber auch sehr piefkinesisch oder besser gesagt piefschinesisch!“

Mama lacht kurz laut auf, weil sie den eigenen Witz (natürlich) gelungen findet, räuspert sich und teilt mit der Tochter sodann etwas altklug die banale Weisheit, dass eine gemeinsame Sprache auch das trennende Element sein kann:

„Viele Deutschsprachige können sich untereinander kaum verstehen, bei Schwitzerdütsch bräuchten wir genauso Untertitel wie bei den Vorarlbergern und Osttirolern, und den Norddeutschen wird das Jodeln der Alpenbewohner eher  fremdartig erscheinen.

In richtig großen Ländern sind die Dialekte aber sogar noch viel unterschiedlicher und so wird sich ein Chinese, der auf Chinareise geht, auch sehr schwer tun, alles überall zu verstehen, und in Indien werden überhaupt gleich ganz verschiedene Sprachen gesprochen.“

 

„Aber Mama, warum sollte denn ein Chinese eine Chinareise machen?“ fragt E und fährt ohne auf meinen Vortrag über das Phänomen des Binnentourismus zu warten fort, mir zu berichten, dass sie heute auch eine neue Sprache – nämlich die Lautsprache – gelernt habe, die man immer laut aussprechen müsse.

„Na dann wollen wir jetzt noch ein paar Stilblüten pflücken, und danach gehen wir ins Haus, um zu Abend zu essen“ schlage ich vor und grinse breit, weil ich schon ahne, dass mir die Tochter gleich einen ganzen Strauß voller kahl gerupfter Stiele bringen wird.

abc-Etüden: Jules Vernes Groupies

Hier muss es sein„, sagt das Mädchen und zeigt mit dramatischer Miene auf ein großes, gelbes Ahornblatt am Rande des Gartens. Sie drückt ihrer kleinen Schwester eine Schaufel aus dem Sandkasten in die Hand und fängt an, mit dem Kinderspaten in der regennassen Erde zu graben.
Wir müssen nur aufpassen, dass wir dem Erdkern nicht zu nahe kommen, der ist urheiß, hat Papa gesagt.“
Da dürfen wir nicht den Finger hinhalten, sonst werden wir uns wehgetun!“ bestätigt die 2-Jährige aufgeregt, den Ernst der Warnung anerkennend.
Beide versuchen verbissen, ein Loch zu graben, doch das Ergebnis ist überschaubar flach.
Und wenn der Tunnel fertig ist, krabbeln wir durch und kommen in China heraus, wo wir uns als erstes die grosse Mauer anschauen„, hält die 4-Jährige eine Motivationsrede.
Dann widmen sich beide wieder ihrer Chinareise.

Mama schaut mit einer Tasse Kaffee in der Hand vom Balkon aus entspannt lächelnd zu wie die Weltreisenden immer schmutziger werden.


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Ein Beitrag zu Christianes abc-Etüden und den drei Worten von Elke H. Speidel (transsilabia.wordpress.com) – Ahornblatt, Chinareise, krabbeln. Illustration – wie immer von ludwigzeidler.de

abc Etüden: Was haben Bäume und Parabeln gemeinsam?

Christianes abc-Etüden sind diesmal um drei seltsam aufeinander wirkende Worte zu schmieden, die Elke H. Speidel (transsilabia.wordpress.com) vorgab:  

Ahornblatt
Chinareise
krabbeln

Das Seltsame daran ist, wohin es mich führte: Nach China, dem Reich der Mitte? Ja, klar, aber auch mitten ins Reich längst vergessener Worte. Ach brächte ich sie doch nur wieder zusammen, wie sie klangen.


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„Tolles Foto!“ sagt er und nimmt ein Bild herbstlich flammender Bäume vorsichtig aus dem alten Album, um die spitzen Ahornblätter besser betrachten zu können.

„Wo war das?“

Sie hebt das Baby über ihren Kopf, lacht es an, gibt ihm einen Kuss auf den Bauch und setzt es behutsam auf den Boden, wo es sofort glucksend zu krabbeln beginnt.

Mutter und Sohn schauen dem kleinen Mädchen zu, bis es sich auf den Spielteppich ins Schütteln einer Rassel vertieft.

Dann steht die alte Frau auf, geht zum Tisch am Fenster und schaut mit zusammengekniffenen Augen angestrengt über die Schulter des jungen Mannes, die Stirn in Falten, vor Ärger über das schlechter werdende Augenlicht sich die Lippen fast blutig beißend: „Das war auf unserer Chinareise, 19…“

Sie stockt, ihr Blick schweift in die Ferne-  bei klarem Wetter sieht man bis zum Wald nördlich der Stadt, der jetzt nur ein dichtgedrängter Haufen schwarzer Gerippe ist, da der Novemberwind die Bäume bereits von ihren welken Blättern befreit hat – aber die Jahreszahl will ihr nicht einfallen.

Er wartet kurz schweigend ab, doch da sie nicht weiterspricht, fährt er schließlich fort: „Ich wusste gar nicht, dass es in China Ahornbäume gibt?“

„Ja doch, diese Art wird nach seiner Herkunft Sichuan-Ahorn genannt und ist schon recht selten“ erklärt sie aus dem Stehgreif, so wie sie all ihr lexikalisches Wissen noch immer problemlos abrufen kann, nur die eigenen Erlebnisse, die verblassen immer mehr.

Sich an seine Schulzeit erinnernd reimt er gedankenverloren vor sich hin, während er die Bäume auf dem alten Foto betrachtet:

„Der gute Baum von Sezuan, ach brächt er uns doch nur den Schluss, den guten, der da sein muss,

muss,

muss!*“


frei nach dem Epilog von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“:

„Den Vorhang zu und alle Fragen offen […] Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss“

Ach ja, die Gemeinsamkeit: Parabel und Baum haben Äste