Monat: Januar 2017

Das Unwort Ende – Ende der Unworte

Vieles kann enden, hat ein natürliches oder herbeigeführtes Ende. Wer schon einmal mit einem Zug der österreichischen Bundesbahnen gefahren ist, kennt den Spruch vermutlich:

„Dieser Zug endet hier“

Der Satz wäre sinnvoll, wenn sich der Zug nach dem Einfahren im Bahnhof in Luft auflösen würde – puff, und weg ist er. So ein bisschen Harry Potter Zauber für den Alltag in den Voralpen.

Oder wenn man zum Beispiel bei einer Zugsinspektion am Bahnsteig plötzlich beim letzten Waggon oder – alternativ – ganz vorne bei der Lokomotive angekommen ist und überrascht ausruft: „Ah, der Zug endet hier!“ Wenn dahinter kein weiterer Waggon mehr kommt, dann hat man das Ende des Zuges erreicht, ist doch klar! So ein Zug ist ja tatsächlich von endlicher Natur.

Der Satz wäre auch noch sinnvoll, wenn man im Zug von einem Waggon zum nächsten geht, bis man beim letzten angekommen ist. Zum Beispiel auf der Suche nach einem freien Sitzplatz: „Voll, voll, alles voll, frei – aber da lieber nicht, der Nebenmann müffelt, voll, alles voll … Oh! Der Zug endet hier!“ Pendlern könnte das bekannt vorkommen.

Aber die gute Chris Lohner den Satz „Dieser Zug endet hier“ auf Band sprechen zu lassen, um ihn dann Tausenden, was sage ich, Millionen von Fahrgästen um die Ohren zu hauen, das ist wirklich ziemlich gemein. Jeden Tag, wenn wir in die Endstation einfahren und die Durchsage kommt, denke ich „Es muss heißen, diese ZugFAHRT endet hier! Nicht der Zug! Die ZugFAAAAHRT! Ist das wirklich so schwer zu verstehen?!“

Würde der Zug in der Endstation „enden“, die ÖBB hätten ganz schön viel zu tun mit all den Havarien der verendeten Züge. Und die Kosten würden explodieren – nach jeder Zugfahrt ein neuer Zug! Da sähe das gegenwärtige Defizit plötzlich erfreulich klein aus daneben. Insofern muss man froh sein, dass hier den Worten nicht Taten folgen. Es gilt vielmehr: Denn sie wissen nicht, was sie sagen – und das ist gut so.

Ende der Durchsage.

gleis-baum1
Und aus der Mitte …
gleis-baum1a
…entspringt ein Baum

Auf 3 geht’s los

Mitzuerleben wie Kinder zur Sprache finden, empfinde ich tatsächlich als eine der großen Belohnungen für die mühevolle Kleinarbeit davor. Seit ich in Karenz bin rede ich täglich laut vor mich hin, was ich gerade tue, tun werde oder getan habe und das in der dritten Person: „Die Mama war nur kurz im Keller„, „Die Mama geht nur schnell ins Badezimmer, dann schauen wir ein Buch an„, „Die Mama muss jetzt kochen„.

Zum Glück gelingt es mir mittlerweile ganz gut diesen ständigen Narrator im Büro zu unterdrücken. Lediglich den Ausruf „Krawuzi!„, der sich vor vier Jahren in mein Vokabular schlich um ein gezischtes „Sh!t“ zu ersetzen, wenn etwas nicht nach Plan lief, sollte ich mir wieder abgewöhnen. Die Blicke der Vorgesetzten sind doch zu eigenartig, wenn man z.B. Kostenvoranschläge mit Kasperlausdrücken kommentiert.

Die Blogtitel der letzten Woche waren meist recht zahlenlastig: 1, 2 und 4 hatten wir schon. Alle guten Dinge sind aber bekanntlich 3. Kaum hatte ich hier am Blog stolz verkündet, dass unsere kleine Z langsam ihre 1-Wort-Grammatik zu vielsagenden 2-Wort-Sätzen ausbaut, schon passierte Folgendes:

Z hatte ein Spielzeugtelefon am Ohr und brabbelte fröhlich hinein. Auf unsere Nachfrage, mit wem sie denn telefoniere, kam ein strahlendes „Mama!“ zurück. Ich spielte gerne mit und tat so, als bekäme ich einen Anruf von ihr. Die Freude auf allen Seiten war groß. Kaum hatte ich das imaginäre Telefonat beendet, sagte Z: „Ich rufe Papa!“ und hielt sich den Telefonhörer wieder ans Ohr.

Meinem Mann und mir blieb der Mund vor Staunen offen stehen. Unsere Tochter hatte gerade einen fast vollständigen Satz gesagt und das, nachdem ich noch immer nicht weiß, was ihr „Neit neit … aus …dinter …dinter …dinter“ Lied bedeutet (Kennt das jemand?*) und die längsten verständlichen Antworten bisher der Art „Nein, meins!“ oder „Nein, Mama“ (Reaktion auf die Bemerkung, dass sie heute vom Papa ins Bett gebracht werden soll) sind.

Ich rufe Papa“ ist eine ganz neue Liga.

Wir strahlten vor Glück, klopften uns gegenseitig auf die Schulter, tätschelten Z stolz den Kopf und führten kleine Freudentänze auf. Hätte sie noch ein „an“ ans Satzende gestellt, hätten wir vermutlich sofort einen Termin für einen IQ-Test vereinbart und die Stipendienmöglichkeiten für Hochbegabte online recherchiert. Selbstverständlich ließ sich der Satz nicht mehr reproduzieren:

telefon3

„Kannst du das noch einmal sagen?“ – „Nein!“

„Wen rufst du an?“ – „Mama!“

„Mit wem telefonierst du dann?“ -„Mama!“

„Mit wem möchtest du telefonieren?“ – „Mama!“

„Möchtest du den Papa anrufen?“ – „Nein!“


* Es stellte sich übrigens heraus, dass es sich um die Lieder „Es schneit“ von Zuckowski (Es schNEIT, es schNEIT, kommt alle AUS dem HAUS) und vermutlich um „Kling Glöckchen, klingeling“ (dinter = Winter) handelt    😉

Hallo! Hallo?

Freunde kann man sich aussuchen, Nachbarn nicht unbedingt …

MitmachBlog

Vor vielen Jahren ereilte mich der Ruf der Großstadt. Pflichtbewusst und abenteuerlustig folgte ich der Stimme. Und Stimmen waren es auch, die ich sodann in meiner ersten eigenen Wohnung hörte. Nein, nicht solche, die zur völlig irrigen Meinung über mich führen könnten („Die spinnt, ich hab’s ja immer gewußt!„), sondern gedämpfte, undeutliche, die besonders frühmorgens oder nachts durch die Wände drangen, wenn kein Fernseher oder CD-Player lief (Pre-Streaming-Zeiten, genau).

So wusste ich auch, dass die Nachbarin von der Stiege daneben trotz ihres nicht mehr ganz taufrischen Alters noch immer ziemlichen Spaß am Leben hatte, sie und ihr oder ihre abendlichen Besucher. Unsere Betten standen direkt nebeneinander, nur durch eine Ziegelmauer getrennt. Wenn die gute Dame hustete oder nieste, hätte ich ihr höflichkeitshalber ein „Gesundheit!“ hinüber rufen können, tat ich aber nicht, da ich mir noch nicht einmal sicher war, ob ich die Frau auf der Straße…

Ursprünglichen Post anzeigen 707 weitere Wörter

Aus 2 wird 4 (Evolution im Sauseschritt)

Nein, es soll heute nicht um Familienplanung gehen, wie der erste Teil des Titels vielleicht fälschlich vermuten ließe. Aus zwei wurde bei uns zwar tatsächlich vier, aber das ist nur das Setting, welches für das folgende Gespräch den Hintergrund bildet:

Ich las E aus einem lustigen Buch vor und das Wort „Zweibeiner“ tauchte auf. E betrachtete einen vor ihr liegenden Teddybären, stellte ihn auf die Hinterbeine und meinte: „Das ist auch ein Zweibeiner

Ich musste natürlich sofort belehrend einwerfen, dass mit „Zweibeiner“ normalerweise Menschen gemeint sind, weil sie auf zwei Beinen gehen.

E hörte sich meine Erklärung an, überlegte kurz und meinte schlussfolgernd: „Dann war die Z früher ein Tier, weil sie ja nur auf vier Beinen gegangen ist!

Zur Veranschaulichung krabbelte sie auf allen vieren herum.krabbeln

Also das Verallgemeinerungsprinzip hat sie jetzt schon ganz gut drauf, am deduktiven Denken und den Evolutions-Basics  müssen wir noch arbeiten.

Heute lese ich … über ungewollte Hilfe und neue Freunde

Der liebe Zeilenende wies mich in meinem letzten „Heute lese ich … “ Beitrag darauf hin, dass die – von mir kritisierte – Benjamin Blümchen Geschichte eben Freundschaft und Hilfsbereitschaft zum Thema habe. Und was soll ich sagen? Da hat er vermutlich recht. Ich war so abgelenkt von den fragwürdigen Wendungen des Elefanten-Hunde-Abenteuers, dass ich die Grundessenz der Aussage tatsächlich übersah.

Freundschaft und Hilfsbereitschaft – zwei wunderbare Möglichkeiten, eine Verbindung zu einem anderen Menschen (oder einem Tier) herzustellen.

Freunde sind oder sollten dazu da sein, einander zu helfen. Oft genug hört man den Satz, dass man die wahren Freunde daran erkennt, dass sie auch in schlechten Zeiten zu einem stehen. Hilfsbereitschaft kommt sowohl unter Freunden vor (oder sollte es zumindest) als auch unter einander gänzlich Fremden. Sie ist manchmal der (kitschig schöne) Beginn einer neuen Freundschaft. Oder aber nur der kurze Moment, der einen durch den Tag trägt, ein Lächeln auf die Lippen zaubert und die Welt für kurze Zeit freundlicher und netter erscheinen lässt.

Mit meinen Kindern lese ich gerade ein recht amüsantes Buch, das diese beiden Themen so plakativ hinausposaunt, dass auch ich sie heraus lesen kann.

grummelbaer

Grummelbär will schlafen

Das Buch von Marni McGee und Sean Julian, das im Original „Bear can’t sleep“ heißt und 2016 auf Deutsch im Kinder- und Jugendbuch Verlag Kerle erschien, handelt von den Tieren des Waldes, die sich auf den Winter vorbereiten und natürlich einem grummeligen Bären.

Während Fuchs, Eule, Eichhorn und Maus fleißig Vorräte anlegen, um die kalte Jahreszeit zu überstehen, gelingt es Fleck, dem Hasen, mit seiner tölpelhaften Art allen auf die Nerven zu gehen. Seine Hilfe ist nicht erwünscht, da sie letztendlich immer nur zu Chaos führt. Das geschäftige Treiben der Tiere wird durch einen vorbeikommenden, schlecht gelaunten Bären jäh unterbrochen. Fleck denkt, dass der Bär Hunger haben könnte und macht sich furchtlos auf den Weg zur Bärenhöhle – bewaffnet mit einem ganzen Stapel Blaubeermarmelade-Zwiebel-Broten.

Nach einer kurzen Slapstick-Einlage kommt der Hase mit nur einem einzigen Brötchen bei der Bärenhöhle an. Dort hört er wie der Bär darüber jammert, dass er vor Kälte nicht schlafen kann. Das wiederum lässt Fleck in der Nacht aus Mitgefühl und Sorge kein Auge zutun. Schließlich „borgt“ er sich von den anderen Waldtieren, während sie schlafen, ein paar Sachen aus und näht daraus eine große Patchwork-Decke. Als die Tiere am nächsten Morgen entdecken, dass der Hase ihnen einfach Kleidungsstücke weggenommen hat („Meine Unterhose!“ klagt die Maus), schimpfen sie mit Fleck.

Der Lärm ruft den Bären auf den Plan, oder vielmehr die Lichtung. Er packt den Fuchs am Kragen und brüllt alle an, dass sie endlich ruhig sein sollen. Der mutige Fleck entschuldigt sich beim Bären im Namen der Tiere und zeigt ihm das Geschenk, die Decke, die von allen gemeinsam stammt (auch wenn sie nicht ganz freiwillig dazu beigetragen haben).

Der Bär ist perplex und lässt den Fuchs laufen. Gerührt nimmt er die Decke entgegen. Der Mut und die selbstlose Hilfsbereitschaft des kleinen Hasen führen letztendlich dazu, dass der Bär endlich schlafen kann und sie alle Freunde werden.

Fazit

Uns gefällt das Buch sehr gut. Der Hase ist liebenswert, in der scheinbar harten Schale des Bären steckt ein weiches, frierendes Herz und somit ein Charakter, in den ich mich gut einfühlen kann (ebenso wie in den ungeschickten Hasen – aber das will ich jetzt nicht näher ausführen). Die lustigen Bilder machen das Buch auch, aber nicht nur für die Kinder kurzweilig und ausgesprochen unterhaltsam.

Der einzige Wermutstropfen ist in diesem Falle nicht, dass die Waldtiere recht opportunistisch handeln und sich nur zu gerne und etwas feige vom kleinen Hasen, den sie gerade noch beschimpft haben, retten lassen. Darüber schaue ich bei diesem Buch (völlig subjektiv, aber ) großzügig hinweg, da der Zorn des Bären so plötzlich über sie hereinbricht, dass schweigendes Hinnehmen der Geschehnisse sehr real anmutet. Das wirklich Gefährliche an dem Buch ist, dass man sich daraus vor allem das Gegrummel abschaut.

Ruhe da draußen! Sonst könnt ihr was erleben! […] Hatte ich nicht gesagt, ihr sollt ruhig sein!?

schallt es bei uns jetzt gelegentlich durch das Haus. Zum Glück weiß ich, dass E ohnedies ein sehr hilfsbereites Herz hat und nur gerade das Buch nacherzählt. Man könnte die drei Sätze natürlich auch weglassen (allerdings sollte so eine Zensur eine konzertierte Aktion sein, gemeinsam mit dem Vorlesepartner, sonst wird man dann womöglich von einem dreijährigen Dreikäsehoch energisch darauf hingewiesen, dass Sätze nicht  oder falsch vorgelesen werden: „Nein, es sagt nicht ‚Seid bitte ruhig, ich will schlafen‘, sondern er schrie ‚Ruhe da draußen! Sonst könnt ihr was erleben!'“ )


Wortgeflumselkritzelkram schreibt jede Woche über ein Buch, das sie gerade liest („Heute lese ich …„) und ich mache (derzeit vor allem mit Eindrücken über Kinderbücher) mit.

Inzwischen beteiligen sich bei „Heute lese ich …“ auch
Michaela von Buecherlogie
Regine von Regenbogen und Freudentränen

Veronika von vrojongliert
und Tarlucy