Das besondere Wort 3/2017 – Weltschmerz

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Weltschmerz ist nichts Greifbares. Er kann wohl nur erfühlt, vielleicht sogar nur erahnt oder erlitten werden. Ein nicht körperlicher Schmerz, der die ganze Welt umfasst, wobei die ganze Welt gerade Mal bis zum eigenen Horizont reicht.  Ein Schmerz, der so tief wurzelt und greift, dass er den Menschen aus seiner Verankerung reißt und ihn, einem hilflosen Spielball gleich, in die beängstigenden Weiten der Gegenwart und die Unbill einer noch viel düstereren Zukunft wirft.

So würde ich Weltschmerz beschreiben. In etwa.

Es könnte aber auch der Schmerz sein, den die Welt empfände, wäre sie ein empfindsames Wesen. Wäre sie ein waschechter Österreicher (wie auch immer der wohl aussehen möge) würde sie sich angesichts ihrer vielen, vielen, ach unendlich vielen Wehwehchen sofort (und zurecht) krankschreiben lassen: Burn-Out, mindestens.

Die Welt zugleich als Patient auf der Intensivstation und auf der Wiener Couch bei Freud und seinen geistigen Nachkommen. Tiefen sind vorhanden, Untiefen erst recht. Psychologisch müsste dann aufgearbeitet werden, was anders nicht mehr zu retten ist. Aber wer und wo wären die Eltern? Eine Spirale des Leidens, der Übertragungen, ohne Anfang und Ende? Der Weltschmerz passt einfach auf keine Kuhhaut*).

Aber die Welt selbst kann ja nicht krank werden oder wehklagen. Also doch wieder zurück zum Menschen, der an der Welt erkrankt ist (und nicht umgekehrt):

Im Wörterbuch der philosophischen Begriffe von 1955 (erschienen im Felix Meiner Verlag) wird Weltschmerz mit

„depressive Verstimmung, die sich in einer Überempfindlichkeit gegen die Übel der Welt kundtut und für die Pubertät besonders charakteristisch ist“

erklärt.

Ebenso stark wie bei pubertierenden Jugendlichen ist der Weltschmerz auch bei sehr kleinen (trotzenden) Kindern ausgeprägt. Er äußert sich in einem plötzlichen Weinen, das beispiellos ist und manchmal nicht nur das Kind nach Luft schnappen lässt. Zum Beispiel dann, wenn die Mutter beim Anziehen hilft, obwohl keine Hilfe erwünscht war oder die die Schwester mit dem Lieblingsplüschtier spielen will, das aber doch nur von einem selbst durch die Luft gewirbelt werden darf.

Weltschmerz hat viele leidende Gesichter, leise und sehr laute.

Auf Wikipedia lernen wir, dass

„Weltschmerz […] ein von Jean Paul geprägter Begriff für ein Gefühl der Trauer und schmerzhaft empfundener Melancholie [ist], das jemand über seine eigene Unzulänglichkeit empfindet, die er zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt, der bestehenden Verhältnisse betrachtet. Er geht oft einher mit Pessimismus, Resignation oder Realitätsflucht […]“

Unzulänglichkeit – noch so ein besonderes Wort.

Unsere Sprache erscheint angesichts der Dinge, die in der Welt – „da draußen“ – passieren und der Gefühlswogen, die tief in uns drinnen über uns zusammenschlagen, manchmal unzulänglich. Sie reicht nicht an das heran, was sie zu beschreiben, erklären oder zu vermitteln versucht.

Und manchmal sind die sprachlichen Versuche, solche inneren und äußeren Zustände einzufangen, sehr unterschiedlich. Im Englischen ist ein einziges kleines Wörtchen ausreichend, um mindestens drei verschiedene Arten des Schmerzes zu beschreiben:

It hurts

I hurt you

I hurt

Zu Deutsch:

Es schmerzt, es tut weh

Ich tue dir weh, ich verletze dich (aktiv)

Ich leide (passiv)

Ein Satz, so kurz und doch voll von so viel Leid, dass das Deutsche erst den Weltschmerz aufbringen musste, um etwas Ebenbürtiges vorzuweisen:

I hurt

Dort wo die Schmerzgrenze überschritten ist, beginnt der Weltschmerz, aber hoffentlich nicht die Resignation.

Und weil es so schön traurig und hoffnungsfroh zugleich ist – der Sonnenschein nach der Melancholie, vertont


Und noch der Song (in der Version aus der Musical-Episode von Grey’s Anatomy),  der mir eigentlich ursprünglich zum heutigen Blogthema einfiel, da er aus der Hilflosigkeit im Angesicht von jugendlichem Weltschmerz entstanden sein soll: Eine der schwierigsten Fragen, denen wir uns stellen können – Wie kann man ein Leben retten?


*) Und übrigens auch nicht auf die Haut der anderen über 800 Millionen Tiere, die jährlich in Deutschland und Österreich geschlachtet werden. Aber das ist eine andere, sehr traurige Geschichte.

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