Schlagwort: Sprache

abc-Etüden: Hecken|schützen (Teil 1)

„Kann ein einziges Negatives zwei Positive umpolen?“, fragte er ohne sie anzusehen und knetete kleine Stücke seiner Frühstückssemmel bis sie ganz krümelig auf den Teller fielen.

Sie zog angewidert die Oberlippe zurück bis man ihre weiße Zahnreihe sehen konnte und seufzte, denn sie hatte, wie so oft, keine Ahnung wovon er sprach.

„Wovon sprichst du?“ fragte sie leicht genervt und war darauf gefasst, dass er nun anfangen würde, Worte so lange aneinander zu reihen und zu verdrehen, bis kein Mensch mehr verstand, worum es eigentlich ging.

Er aber kümmerte sich nicht um ihre Gereiztheit, sondern erklärte mit starrem Blick auf das Blumenbeet am Zaun: „Angenommen, du hast einen positiven Teil, einen negativen Teil und wieder einen positiven Teil – ist das Wort dann positiv oder negativ?“

Sie verstand noch immer nicht was er meinte und versuchte es daher einfach mit Raten, um dem Spuk ein Ende zu machen und den Urlaubstag, vor allem aber erst einmal das Frühstück auf der Veranda genießen zu können: „Plus mal minus ist minus, mal plus ist noch immer minus, also bleibt es trotzdem negativ“

„Dachte ich es mir doch“ murmelte er und schwieg.

Jetzt ließ es ihr keine Ruhe und sie fragte nach, um welches Wort es denn ginge.

Er räusperte sich und antwortete umständlich: „Erst nimmst du die Archimedes-Konstante in ihrer ganzen Schönheit, dann hängst du die unseligen Initialen der deutschen Prügelgarde des zweiten Weltkriegs daran und schmückst das ganze mit deinen Lieblingsblumen.

Die Kuppe ihres rechten Zeigefingers fuhr quietschend dem Rand ihres Glases Orangensaft entlang während sie angestrengt nachdachte und ganz langsam buchstabierte: „Pi – SS – Nelke„.

Entrüstet starrte sie ihn an.

2017_47.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

Die Wortspende von wortgerinnsel zu Christianes Schreibeinladung ist eine Herausforderung, die Illustration dazu wie immer von lz.

 

 

abc-Etüden: Etwas Chaos und der Schlag eines Schmetterlingsflügels

Meine Vergesslichkeit treibt so manche Blüte, nur Stil hat sie nicht. Die Organisation meiner Agenden hat enormes Verbesserungspotential nach oben. Zu manchen Worten fallen einem so viele Geschichten ein, dass man sie nur dosiert auf die Leserschaft loslassen will. Wenn man dann jedoch vergisst, die … abc-Etüden: Etwas Chaos und der Schlag eines Schmetterlingsflügels weiterlesen

abc-Etüden: Schina, Kinda!

Hoppla, da hatte ich ja noch etwas angefangen, aber nicht rechtzeitig fertig bekommen. Nun ja, dann muss ich es wohl ein bisschen adaptieren, was jetzt nicht so banal war, wie zu 45 noch 1 hinzuzählen, damit aus der Etüde der Textwoche 45 eine abc-Etüde der Textwoche 46 wird. Eingeladen dazu hat wie immer Christiane, die Grafik hat Herr lz (ludwigzeidler.de) beigesteuert und die – in diesem Ausnahmefall 6 Worte – kamen von Elke H. Speidel (transsilabia.wordpress.com) und Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com)

2017_46.17_eins_lz | 365tageasatzaday


„Mama, wusstest du, dass die in Deutschland Schemie und Schinesen sagen und nur wir in Österreich das als Kemie und Kinesen aussprechen?“

Das Mädchen dreht gedankenverloren ein leuchtend gelbes Ahornblatt zwischen seinen Fingern hin und her und stupst einen Feuerkäfer an, der den Baumstamm hinauf krabbeln wollte, aber nun vor Schreck erstarrt.

„Schina, Schemie, isch lach misch kringelig!“ ruft sie und sieht zu, wie das Ahornblatt lautlos, sich drehend zu Boden fällt.

„Sich kringelig lachen ist aber auch sehr piefkinesisch oder besser gesagt piefschinesisch!“

Mama lacht kurz laut auf, weil sie den eigenen Witz (natürlich) gelungen findet, räuspert sich und teilt mit der Tochter sodann etwas altklug die banale Weisheit, dass eine gemeinsame Sprache auch das trennende Element sein kann:

„Viele Deutschsprachige können sich untereinander kaum verstehen, bei Schwitzerdütsch bräuchten wir genauso Untertitel wie bei den Vorarlbergern und Osttirolern, und den Norddeutschen wird das Jodeln der Alpenbewohner eher  fremdartig erscheinen.

In richtig großen Ländern sind die Dialekte aber sogar noch viel unterschiedlicher und so wird sich ein Chinese, der auf Chinareise geht, auch sehr schwer tun, alles überall zu verstehen, und in Indien werden überhaupt gleich ganz verschiedene Sprachen gesprochen.“

 

„Aber Mama, warum sollte denn ein Chinese eine Chinareise machen?“ fragt E und fährt ohne auf meinen Vortrag über das Phänomen des Binnentourismus zu warten fort, mir zu berichten, dass sie heute auch eine neue Sprache – nämlich die Lautsprache – gelernt habe, die man immer laut aussprechen müsse.

„Na dann wollen wir jetzt noch ein paar Stilblüten pflücken, und danach gehen wir ins Haus, um zu Abend zu essen“ schlage ich vor und grinse breit, weil ich schon ahne, dass mir die Tochter gleich einen ganzen Strauß voller kahl gerupfter Stiele bringen wird.