contingentia (lateinisch), die Möglichkeit

Während das Wort Kontingent einem noch recht geläufig sein mag, vor allem, wenn man sich darum bemüht, Karten für ein in-Nullkommanichts-ausverkauftes-Konzert zu bekommen, ist das Wörtchen Kontingenz von ganz anderem, weitaus seltenerem Kaliber.

In der Philosophie treffen wir es an, wenn wir modallogisch unterwegs sind. Etwas ist kontingent, wenn es sowohl möglich als auch nicht möglich ist. Klingt unlogisch? Ist es aber nicht, man muss es nur demjenigen gegenüberstellen, das ist und daher nicht zugleich nicht sein kann.

Im Buch „Die Ermöglichung des endlichen Seins nach Johannes Duns Scotus“ von Hans-Joachim Werner heißt es:

„Weil das Geschaffene zunächst ein futurum ist, also zum Sein bestimmt werden muss, um zu sein, kann das Gegenwärtige, welches sich von seiner apriorischen Struktur nicht lösen kann, kontingent sein, [i.e.] kann es überhaupt kontingentes Sein geben.“

Womit dann auch schon wieder fast alles klar wäre, oder? Aber vielleicht sollten wir noch ein bisschen weiter nachlesen:

„[…] In dieser Verwendung des Terminus „contingens“ steckt etwas von der ursprünglichen Bedeutung des Verbs „contingere“, welches etwa synonym mit „evenire“ und „accidere“ ist. Das Kontingente muss geschehen, es muss sich ereignen, um zu sein, es ist nicht immer schon als gegenwärtig anzusehen.

[…] Die „Futurität“ [hat] insofern ontologische Funktion, als sie das gegenwärtig Existierende zu einem Kontingenten macht, d.h. zu etwas, welches sich im Unterschied zum logisch Möglichen zu seiner eigenen Grenze, dem Nichtsein so verhält, dass es jederzeit vernichtet werden kann.“

In der Ontologie treffen wir also auch auf kontingentes Sein. Und in der Soziologie, vor allem in der Systemtheorie bei Niklas Luhmann und Talcott Parsons wird mit Kontingenz die prinzipielle „Offenheit und Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrung“ bezeichnet. Genauer ist nach Luhmann

„Kontingent etwas, was weder notwendig noch unmöglich ist, was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“

Man möchte fast sagen, jedes Leben müsse ein Kontingentes sein, weil jedes Leben zumindest auch anders denkbar wäre. Hätte man an dieser Verzweigung im Leben nicht jenen Pfad, sondern einen anderen eingeschlagen, stünde man heute vielleicht ganz woanders. Sofern man nicht an das Schicksal im Sinne von Vorherbestimmung glaubt, sind die Lebenswege alles Lebenden der Kontingenz zuzuordnen.

Bei Aristoteles – wie käme man ohne ihn aus, kaum, dass man das Wort Philosophie in den Mund genommen hat? – ist die Kontingenz das, was „nicht notwendig und nicht unmöglich“ ist.

Auch die Wahrnehmung ist kontingent, weil sie so oder ganz anders wahrgenommen werden kann. Dabei will Luhmann diese Offenheit durch Kommunikation überwinden. Wer miteinander redet oder auch per Schrift kommuniziert, erklärt sich und seine Ansichten und lässt möglichst wenig doppeldeutig oder fehlinterpretierbar. Und doch geht Kommunikation regelmäßig schief, wenn man sie im Sinne von Inhalt transportieren betrachtet.

Die „doppelte Kontingenz“ ist dann übrigens die scheinbare Unwahrscheinlichkeit von gelingender Kommunikation, die jedoch durch Kommunikation überwunden wird, außerdem durch Beobachtung des Anderen, und Versuch und Irrtum. Daraus entsteht mit der Zeit eine „emergente Ordnung, das soziale System“. Mit diesen Begriffen sind wir noch immer im System Luhmanns, eines nicht unumstrittenen Soziologen. Das Wörtchen Emergenz nehmen wir jetzt ein einem Aufwasch auch noch mit, sozusagen im Vorbeispazieren: Das, was durch Zusammenspiel mehrerer Faktoren zufällig entsteht, was auch als Übersummativität („das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“) bezeichnet wird. Was für ein Wort! Die Emergenz wiederum hat mit der Eminenz (der katholischen Kirche) nicht sehr viel mehr am Hut, als dass sie beide aus dem Lateinischen kommen: emergere – auftauchen, entstehen während die eminentia von eminere – hervorragen, nicht nur auftaucht, sondern eben über anderes hervorragt. Das lässt mich an „Alle sind gleich, aber manche sind gleicher“ denken. Doch von der Orwellschen Farm noch ein letzter Schwenk zurück zur Kontingenz:

In der Erkenntnistheorie ist sie das Wissen darüber, dass jedes Wissen relativ ist und damit alles andere als relativ wichtig. Nein, sogar ein sehr zentraler Begriff.

Im Behaviorismus  geht es um das Lernen durch unmittelbare Konsequenzen und dann gibt es noch die Kontingenzbewältigung als die Einschränkung des Risikos, enttäuscht zu werden.

Religion ist Kontingenzbewältigungspraxis handlungssinntranszendenter Kontingenzen“ oder zu Deutsch: „in den schwierigsten Ereignissen wird ein Umgang mit der Situation durch konkrete Handlungen möglich“ (Hermann Lübbe)

Und mit dem Wort „handlungs-sinn-transzendent„, das einem fast ebenso wie das zumindest positiven Sinn verbreitende Poppinssche superkalifragilistikexpialigetisch von der Zunge geht (nicht zu verwechseln mit dem Popperschen Positivismus), möchte ich diesen Beitrag schließen.