Schlagwort: Mathematik

abc-Etüden: Hecken|schützen (Teil 1)

„Kann ein einziges Negatives zwei Positive umpolen?“, fragte er ohne sie anzusehen und knetete kleine Stücke seiner Frühstückssemmel bis sie ganz krümelig auf den Teller fielen.

Sie zog angewidert die Oberlippe zurück bis man ihre weiße Zahnreihe sehen konnte und seufzte, denn sie hatte, wie so oft, keine Ahnung wovon er sprach.

„Wovon sprichst du?“ fragte sie leicht genervt und war darauf gefasst, dass er nun anfangen würde, Worte so lange aneinander zu reihen und zu verdrehen, bis kein Mensch mehr verstand, worum es eigentlich ging.

Er aber kümmerte sich nicht um ihre Gereiztheit, sondern erklärte mit starrem Blick auf das Blumenbeet am Zaun: „Angenommen, du hast einen positiven Teil, einen negativen Teil und wieder einen positiven Teil – ist das Wort dann positiv oder negativ?“

Sie verstand noch immer nicht was er meinte und versuchte es daher einfach mit Raten, um dem Spuk ein Ende zu machen und den Urlaubstag, vor allem aber erst einmal das Frühstück auf der Veranda genießen zu können: „Plus mal minus ist minus, mal plus ist noch immer minus, also bleibt es trotzdem negativ“

„Dachte ich es mir doch“ murmelte er und schwieg.

Jetzt ließ es ihr keine Ruhe und sie fragte nach, um welches Wort es denn ginge.

Er räusperte sich und antwortete umständlich: „Erst nimmst du die Archimedes-Konstante in ihrer ganzen Schönheit, dann hängst du die unseligen Initialen der deutschen Prügelgarde des zweiten Weltkriegs daran und schmückst das ganze mit deinen Lieblingsblumen.

Die Kuppe ihres rechten Zeigefingers fuhr quietschend dem Rand ihres Glases Orangensaft entlang während sie angestrengt nachdachte und ganz langsam buchstabierte: „Pi – SS – Nelke„.

Entrüstet starrte sie ihn an.

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Die Wortspende von wortgerinnsel zu Christianes Schreibeinladung ist eine Herausforderung, die Illustration dazu wie immer von lz.

 

 

abc Etüden: Was haben Bäume und Parabeln gemeinsam?

Christianes abc-Etüden sind diesmal um drei seltsam aufeinander wirkende Worte zu schmieden, die Elke H. Speidel (transsilabia.wordpress.com) vorgab:  

Ahornblatt
Chinareise
krabbeln

Das Seltsame daran ist, wohin es mich führte: Nach China, dem Reich der Mitte? Ja, klar, aber auch mitten ins Reich längst vergessener Worte. Ach brächte ich sie doch nur wieder zusammen, wie sie klangen.


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„Tolles Foto!“ sagt er und nimmt ein Bild herbstlich flammender Bäume vorsichtig aus dem alten Album, um die spitzen Ahornblätter besser betrachten zu können.

„Wo war das?“

Sie hebt das Baby über ihren Kopf, lacht es an, gibt ihm einen Kuss auf den Bauch und setzt es behutsam auf den Boden, wo es sofort glucksend zu krabbeln beginnt.

Mutter und Sohn schauen dem kleinen Mädchen zu, bis es sich auf den Spielteppich ins Schütteln einer Rassel vertieft.

Dann steht die alte Frau auf, geht zum Tisch am Fenster und schaut mit zusammengekniffenen Augen angestrengt über die Schulter des jungen Mannes, die Stirn in Falten, vor Ärger über das schlechter werdende Augenlicht sich die Lippen fast blutig beißend: „Das war auf unserer Chinareise, 19…“

Sie stockt, ihr Blick schweift in die Ferne-  bei klarem Wetter sieht man bis zum Wald nördlich der Stadt, der jetzt nur ein dichtgedrängter Haufen schwarzer Gerippe ist, da der Novemberwind die Bäume bereits von ihren welken Blättern befreit hat – aber die Jahreszahl will ihr nicht einfallen.

Er wartet kurz schweigend ab, doch da sie nicht weiterspricht, fährt er schließlich fort: „Ich wusste gar nicht, dass es in China Ahornbäume gibt?“

„Ja doch, diese Art wird nach seiner Herkunft Sichuan-Ahorn genannt und ist schon recht selten“ erklärt sie aus dem Stehgreif, so wie sie all ihr lexikalisches Wissen noch immer problemlos abrufen kann, nur die eigenen Erlebnisse, die verblassen immer mehr.

Sich an seine Schulzeit erinnernd reimt er gedankenverloren vor sich hin, während er die Bäume auf dem alten Foto betrachtet:

„Der gute Baum von Sezuan, ach brächt er uns doch nur den Schluss, den guten, der da sein muss,

muss,

muss!*“


frei nach dem Epilog von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“:

„Den Vorhang zu und alle Fragen offen […] Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss“

Ach ja, die Gemeinsamkeit: Parabel und Baum haben Äste

abc-Etüden: Theoretischer Aufriss

 

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„Wollen wir versuchen das Zweibrücken-Problem gemeinsam zu lösen?“ fragte er seine hübsche Kommilitonin, um mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Sie sah von ihrem Topologiebuch überrascht auf und lächelte ihn an.

Dann legte sie behutsam ein Lesezeichen in ihr Buch, klappte selbiges zu und sagte mit ruhiger Stimme: „Es heißt Königsberger Brückenproblem und es sind sieben Brücken.“

„Verdammt!“ murmelte er in seinen Hippsterbart, während ihre strahlend blauen Augen seine Mimik lasen.

Sein hormongeflutetes Gehirn  suchte verzweifelt nach einem intelligenten Spruch.

Sie wartete schweigend ab.

Nach einer kleinen Weile legte sie ihre Hand sanft auf seinen Unterarm, sah ihm direkt in die Augen und meinte versöhnlich: „Macht doch nichts, die Dummheit der Menschen ist grenzenlos. Ich überschreite gerne Grenzen“


verdammt
Zweibrücken
grenzenlos

Das sind die Worte, die diese Woche die künstlerisch begabte und lebenserfahrungsreiche Gerda Kazakou aus Griechenland (gerdakazakou.com) für Christianes abc-Etüden beigesteuert hat. Die Illustration kommt von ludwigzeidler.de 

 

Heute lese ich … über das Kaninchenproblem

Wer sich nun auf einen Beitrag über Diskrete Mathematik, die Fibonacci Folge und das (nur scheinbar überschaubare) Populationswachstum von Kaninchen gefreut hat, den muss ich leider enttäuschen. Es wird zwar auch ums Zählen gehen, Fibonacci kommt aber nur in der folgenden Form in meinem heutigen Beitrag vor:


Ein vorösterliches Fibonaccerl (1-1-2-3-5-8-13):

Ostern

Freude

Bunte Farben

Eierschmuck an Palmzweigen

Wir lesen Bücher über Hasen,

die über grüne Rasen rasen und zählen Dinge 

gar nicht mal dumm, so geht die Zeit bis Ostern noch schneller rum

 


Meine große Tochter schwärmt bereits jeden Tag von Ostern. Von früh bis spät erschallen Osterhasenlieder, werden Ostereier und Hasen gemalt oder laut von Schokoladefiguren und Geschenken geträumt.

Gut, der richtige Ostergedanke schwingt noch nicht so sehr mit, aber diese Vorfreude im Frühling erinnert mich an meine Kindheit, Spaziergänge in die Au oder durch kleine Gassen, auf der Suche nach den ersten Blumen in den Gärten oder am Flussufer.

Bereits mehrfach musste ich auch schon eine sinnvolle Erklärung darüber abliefern, warum der Osterhase in der Nacht die Eier versteckt und nicht einfach tagsüber vorbei kommt, damit ihn die Kinder auch sehen und mit ihm spielen können. Hasen sind scheue Tiere, liegen tagsüber geduckt und gut getarnt in Mulden und trauen sich nur nachts heraus. Bei Osterhasen ist das nicht anders – nur falls jemand fragt.

Wir haben jedenfalls wieder ein Hasenbuch ausgegraben, dass im Winter kaum angeschaut wurde, sich nun aber ganz wunderbar für E’s derzeit vorherrschendes Interesse am Abzählen von Dingen eignet:

zwoelfhasen

12 Hasen allein zu Haus – Ein wimmeliger Sachen-Such-Spaß

Wir begleiten das weiße Häschen Sophia einen Tag lang durch und rund um das Hasenhaus. Sie ist auf der Suche nach … Ja, das erfährt man nicht so schnell. Kurze Reime beschreiben, was die Hasenbande gerade tut, vom Frühstück bis zum Schlafengehen.

Im Hasenhaus wohnen insgesamt 12 Hasen, die sich die Zeit mit Rollerfahren, Theaterspielen, Musizieren und anderem vertreiben. Auf jedem Bild wird außerdem nach bestimmten Dingen gefragt, die es zu entdecken und zu zählen gilt.

Man kann das Buch ganz wunderbar

  • mit den Jüngsten nur anschauen
  • den ein bisschen Größeren nur vorlesen
  • oder – in der Maximalvariante – auch noch die Such-und Zählübungen einbinden, die E gerade großen Spaß machen. „Verrat’s nicht!“ ruft sie, wenn sie noch nicht alle gesuchten Gegenstände gefunden hat.

Ein Buch, das wirklich Spaß macht und in dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt. Eine sehr gelungene Mischung aus Bilderbuch und Wimmelbuch mit einem entzückenden Ende.

Ach übrigens, besonders schön ist die letzte Annahme in Fibonaccis Kaninchenvermehrungsproblem. Sie klingt ein bisschen nach Märchen und dem, was wir Sophia und ihrer Hasenbande auch wünschen:

Und sie lebten glücklich bis ans nie kommende Ende ihrer Tage – Happy End!

oder lehrbuchmäßig:

fibonacci-rabbits

 

 

 

 

 

Mama kurz gefasst – Titelverteidigung?

Schon als ich meine „Rubrik“ namens „Wenn ich ein Vöglein wär – Mama kurz gefasst“ ins Leben rief, war mir klar, dass das kein knackig kurzer Titel ist. Da aber selbst das Akronym WIEV WÄ MaKuGe nicht so recht klingen wollte, beschloss ich es bei dem sperrigen Ungetüm von Namen für eher kurz gehaltene Beiträge auf diesem Blog zu belassen. Widerspruch hin, Russelsche Antinomie her.

Die kurz angedachte Veranglizismusierung wurde ebenfalls wieder verworfen. Was im Englischen geht, geht im Deutschen nicht unbedingt, denn „Mama zwitschert“ ruft eher die Jugendfürsorge und die lieben Kollegen vom AA Treffen auf den Plan als die wordpress follower zum Lesen herbei.

Wobei der letzte Satz ausgesprochen unglücklich formuliert ist. Zum einen „geht es“ weder auf Englisch, noch auf Deutsch, weil – wie meine Englischprofessorin zu sagen pflegte – „es keine Füße hat“. Statt „gehen“ hätte ich also wohl ein semantisch identes „semantisch ident“ wählen sollen, zum anderen wirft die Formulierung „Kollegen vom AA Treffen“ ein ganz falsches Bild auf mich. Ich kenne dort nämlich gar niemanden, und nicht deshalb, weil ich ohnedies nur schwer Bekanntschaften schließe oder weil sich dort alle halbanonym nur mit dem Vornamen ansprechen („Hallo, ich heiße Mama und bin … “ ist ja ein hinlänglich bekanntes AA Procedere). Sondern, weil ich noch gar nie bei einem AA Treffen war und – für’s Protokoll – es auch nicht notwendig habe. Und jetzt komme mir bloß keiner damit, dass Leugnen ein psychischer Abwehrmechanismus zum Schutze vor dem Eingestehenmüssen einer Abhängigkeit sei!

Aber ich schreibe mich gerade in eine Sackgasse hinein.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte war, dass es ab jetzt nur noch „Mama kurz gefasst“ heißen wird. Und gelegentlich gibt es dazu ein Bild von einem Vogel oder mehreren.

Die 140er Grenze ist längst überschritten. Mein erster „Mama kurz gefasst“-Beitrag im neuen Jahr ist also ein Nichtelement seiner eigenen Menge, ein Widerspruch in sich. Beim nächsten Mal wird’s dann wirklich kurz und knackig – versprochen!

dompfaff
Heute beginnt das birdwatching im Garten für „Die Stunde der Wintervögel“ http://www.birdlife.at