Schlagwort: Worte

abc-Etüden | ahnungslos voller Vorahnungen

„Mama, was ist eigentlich eine Knutschkugel?“

Mir stockt der Atem und ich muss aufpassen, dass mir das Buttermesser nicht aus der Hand fällt.

Der Schrecken, der mir in alle Glieder gefahren ist, kommt nicht so sehr daher, dass ich keine Ahnung habe, was eine Knutschkugel ist, da ich offen gesagt nur Begriffe wie Christbaumkugel und eventuell noch Rumkugel zuordnen kann. Nein, es ist dieses Bild, das ich vor meinem inneren Auge habe:

Die Verwandlung meiner kleinen, unschuldigen Tochter in eines von jenen, gegen die Welt und vor allem die Eltern rebellierende Individuen, die ihre tiefsten Geheimnisse nicht mehr im Beichtstuhl reumütig bekennen, sondern unter prepubertärem Gekichere nur noch mit ihren engsten Freundinnen teilen.

„Ich glaub mich knutscht ein Elch“ schießt es mir durch den Kopf, denn Antwort habe ich noch immer keine, aber den Boden der Vorstellung, die eigenen Kinder würden noch ein bisschen länger einfach nur Kinder bleiben, soeben unter den Füßen verloren.

Da ertönt plötzlich ein ohrenbetäubendes Gequietsche, das lauter und lauter wird, und die Stimme meiner kleinen Tochter völlig ausblendet.

Mit einem Ruck sitze ich aufrecht im Bett und taste verzweifelt und noch reichlich verwirrt nach dem Snooze-Button meines Weckers. Zum Glück alles nur geträumt, die Kinder stecken noch in der Trotzphase, nicht in der Pubertät! Die abc-Etüden-Wortspenden (und vor allem die Unbekannten darin) verfolgen mich also schon bis in meine Träume, aber Geschichte dazu habe ich noch immer keine!

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Oder doch?

Ein Beitrag zu Christianes abc-Etüden und der Wortspende von lz, dem Etüdenerfinder himself.

 

abc Etüden: Musik liegt in der Luft

Es ist wieder soweit! Die abc Etüden gehen wieder los. Die erste Wortspende kommt von Christiane selbst und lässt einen schnell in anderen Sphären schweben:

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„Nein, nein, nein, der Heiligenschein muss richtig hell glänzen, damit er sich von dem ganzen Glitzer-und Blinkklimbim in den heutigen Kinderzimmern noch abhebt!“

Die kleinen Engel schauen betreten drein und lassen frustriert die Köpfe hängen während Petrus mit energischen Schritten zur Tür eilt, um wieder an seine Pforte zurückzukehren. Rums, die Türe ist zu und alle atmen erleichtert auf.

So anstrengend habe ich mir die Assistentenstelle beim Christkind nicht vorgestellt“ jammert der kleine dicke Engel ganz hinten.

Wenigstens können wir Musik hören, solange Petrus die Passierscheine kontrollieren muss!“ ruft ein anderer und läuft zu dem alten Radioapparat, der in der Ecke steht. Es dauert eine ganze Weile, bis er mit etwas Feingefühl und dem Drehknopf die richtige Frequenz gefunden hat.

Gerade als ein Jüngling mit blonden Locken und langem wallenden Kleid erzählen will, dass die Kinder auf der Erde schon viel modernere Musikapparate haben, erklingt Elvis Stimme und alle singen aus vollem Halse mit: „You look like an angel, walk like an angel, talk like an angel, but I got wise …“

Die drei Erzengel, die den Korridor entlang gehen, hören die ungewohnten Klänge und Gabriel meint kopfschüttelnd zu seinen Kollegen: „Also, zu meiner Zeit haben wir immer nur beschaulich Hosianna und Halleluja gesungen, nicht so rhythmisches Teufelszeug!

 

Das F-Wort

Achtung: Der folgende Text ist für empfindsame Gemüter möglicherweise nicht geeignet! Bekommt ihr auch solche Zustände, wenn ihr in der Qualitätszeitung eures Vertrauens das F-Wort zu Gesicht bekommt? Das gehört da einfach nicht hin. Keiner will das lesen. Wer braucht solche Zumutungen? Mir wird tatsächlich … Das F-Wort weiterlesen

patschert – Kleine Österreichkunde

Patschert

Wer es nicht kennt, dieses Wort, auf den trifft es vielleicht einfach nicht zu. Er oder sie hat es entweder noch nie zu hören bekommen, weil er oder sie nicht so ungeschickt ist, oder aber ein patschertes Verhalten wird in seiner/ihrer Gegend einfach anders genannt. Bei uns nennt man es jedenfalls patschert („botschat“ ausgesprochen). Bedeutung: Ungeschickt, unbeholfen.

Ich vermute ja es kommt von

hatschert

Das wiederum bedeutet humpelnd, hinkend und leitet sich angeblich vom Hadsch, der Pilgerreise nach Mekka ab. Wenn Österreicher hatschen, dann gehen sie mühsam oder humpelnd. Und je patscherter man ist, desto eher wird man auch zum Hatscherten.

Der klassische Tag,

um die beiden Worte ausgiebig zu verwenden, sieht folgendermaßen aus:

Man ist gerade damit beschäftigt, den Haushalt (durch Multitasking – ja, wir Frauen glauben, dass das funktioniert!) mit links zu schupfen. Dabei ramme man sich eine Türschnalle schwungvoll, aber nicht leise in den Oberarm, bei dem Versuch, eine halb geöffnete Türe tangential zu nehmen.

Geräuscharme Verletzungen fallen übrigens nicht in die Kategorie „patschert“. Nur wenn das Wehwehchen aufjaulend und unter allgemeinem Zusammenlauf einer Menschenmenge, eventuell der zufällig in der Wohnung anwesenden Familienmitglieder, erlitten und danach noch stundenlang bejammert wird, kann die Verletzung als „patscherter Zwischenfall“ verbucht werden.

Kaum hat man sich von dem Bodycheck der Türschnalle halbwegs erholt, eile man ins nächste Zimmer, die Augen starr auf das Ziel gerichtet und donnere vorzugsweise mit der kleinen Zehe des rechten Fußes gegen das Standbein des Heimtrainers, der generell nur als Kleiderständer und Kinderturngerät genutzt wird.  In jenem Moment, der in Comics gerne durch um den Kopf kreisende Vögel dargestellt wird, erinnert man sich auch wahrlich schmerzlich daran, dass es eben jener Fuß war, der vor nicht allzu langer Zeit aufgrund eines Bruches im Mittelfuß arg in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Während man sich – in den eigenartigsten Tonlagen quietschend – am Boden krümmt, kann man übrigens in aller Ruhe auch durchdenken, welche Aufgaben in nächster Zeit anstehen:

  • Unter dem Bett staubsaugen
  • Kindern erlauben ein Coolpack aus dem Kühlschrank zu holen
  • der Zweijährigen wieder und wieder versichern, dass es die kleine Zehe des rechten Fußes ist, die man sich gestoßen hat, während der linke Fuß nichts abgekriegt hat
  • Röntgenaufnahme machen lassen, um die Selbstdiagnose der vollkommenen Zertrümmerung aller nur denkbaren Mittelfußknochen ärztlich bestätigen zu lassen
  • Zeitpuffer einplanen auf dem Weg ins Büro, weil die Hatscherei mehr Zeit in Anspruch nehmen wird, als der „Alltagstrott“, in dem man gewöhnlich unterwegs ist

Aus patschert wird also schneller hatschert als einem lieb ist. Zumindest bei uns in Österreich.

Und wie heißt es bei euch, wenn ihr mal einen Autsch-Aua-Auuuuu! Tag habt?

 

goldenes-dach
Innsbruck (mit seinem goldenen Dachl) liegt ja eingebettet zwischen Nordkette  (siehe Bild oben) und dem Patscherkofel (Bild unten)
patscherkofel
Das „Patsch“ in Patscherkofel leitet sich vermutlich vom Ort Patsch, früher Patsche (Matsch, aufgeweichte Straße) ab

Testlauf präääpubertär

Zwei Kinder laufen fröhlich durch eine Blumenwiese im Frühsommer. Mit den ausgestreckten Fingerspitzen berühren sie die bunten Blüten, rufen schon von weitem „Mama! Papa!“, winken und lassen sich von den Eltern, die vor einem schmucken Einfamilienhaus (mit Pool im Garten) stehen, auffangen und herumwirbeln. Dann fallen alle gemeinsam lachend ins Gras.

Szenenwechsel: Eine Rennstrecke. Die jungen, actionsuchenden Fahrer können kaum den Start abwarten. Sie geben sofort richtig Gas und brausen los, aber im Testlauf wirft es einige aus den Kurven oder sie verreissen mittendrin in ihrem Übermut das Lenkrad und krachen gegen Seitenwände, andere Rennautos und Prallböcke.

Das erste ist – natürlich – keine Schilderung eines Tages bei M. Mama und Familie. Viel zu kitschig. Und das zweite ist kein Geschwindigkeitsrauschtraum nach dem Ansehen der 100 Fortsetzung von „Fast and Furious“. Nein, nein. Die Blumenwiesenszene vermittelt ein bisschen meine Vorstellung von Familie-mit-Kindern-haben bevor (!) ich Familie mit Kindern hatte. Und die Rennstreckenszene vermittelt ein bisschen wie es sich manchmal anfühlt, kleine Kinder zu haben. Dabei bin ich aber nicht einer der eher orientierungslosen, aber voller Energie steckenden Rennfahrerinnen, nein, ich bin der Prallbock oder die Leitschiene und die Seitenwand – ich bin einfach überall, wo man testen kann, wie hart ein Aufprall ist und was der Widerstand so alles aushält. *seufz*

50 ist das neue 30 behaupten manche oder auch 80 das neue 60. Ich nehme an, man kann hier jedes beliebige Lebensjahrzehnt einsetzen, aber neulich hörte ich tatsächlich, dass „die Kinder mit 4 Jahren in der ersten Pubertätskrise stecken„. Und Jaaaaaa, das Gefühl habe ich auch.

Täglich wird absichtlich an Grenzen gestoßen, gerüttelt. Nicht nur einmal und gut ist, nein, wieder und wieder und wieder. Und ich muss da irgendwie dagegen halten. Erklären, nachfragen, auch mal einfach ignorieren. Was ich dabei vor allem erfahre: Meine Grenzen!

Während die Zweijährige stolz alle neuen Worte, die sie kennenlernt, übt, testet die 4-Jährige die Reaktionen auf Worte und vermeintlich Provokantes. Worte, die empören, machen Spaß. Schlimm sein ist cool und Coolsein plötzlich ur-in. Mit dem zweijährigen Echo im Schlepptau höre ich also die dümmsten Sprüche im Doppelpack. *Doppel-seufz*

Und dann eben auch einmal so etwas:

Ich stehe gerade unter der Dusche, da kommt E im üblichen 4-jährigen Galopp angetrabt (normales Gehtempo gibt es ja nicht  mehr – entweder wird gerobbt, gekrochen und geschlichen oder gerannt und getanzt), reißt die Tür auf und schreit mir ein Wort entgegen. Danach zerkugelt sie sich fast vor Lachen und verschwindet wieder.

Ich rätsle eine Weile, ob es wohl etwas war, worauf ich reagieren sollte und vor allem, was es war. Hoffentlich kein Kommentar auf meinen Körper bezogen. Der Körper ist nämlich auch so ein Thema, das gerade sehr interessiert, aber die Bemerkungen von 4-Jährigen über den Körper von 40-Jährigen ist höchstens was für Twitter und ein paar Empathie-Likes.

Da höre ich die kleine Z herumlaufen und eifrigst wiederholen, was die Große jetzt auf Dauerschleife ruft: „Gnädigste! Gnädigste!“ Gnädigste haben sie mich also genannt, meine beiden Schätze. So alt fühle ich mich zwar eigentlich noch nicht oder nur ganz selten und wenn mich einmal jemand so nennen würde, hätte ich erwartet, dass es ein älterer Herr wäre, aber immerhin: Der Erziehungsauftrag darf kurz Pause machen und ich kann die Dusche vor mich hin schmunzelnd genießen.

geradestrasse
So eben und geradlinig verläuft die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit meist nicht, da bedarf es Hindernisse und Regeln, an denen man sich die Ecken und Kanten abstoßen kann, um den eigenen Weg zu finden