Schlagwort: Märchen

Die Sprache der Bilder ODER Die Geister der Vergangenheit

Gerda hat zwei Bilder gepostet, die eine Geschichte erzählen: „Wie bitte? Puppenspiel“. Die beiden Figuren sind so faszinierend, dass ich mir erlaubt habe, einen kurzen Beitrag dazu zu schreiben und das Hintergrundbild ein bisschen zu bearbeiten, um die dritte Figur besser heraustreten zu lassen, die ich zu sehen glaube. Liebe Gerda – ich hoffe das ist o.k. für dich?

Hier ist mein „Märchen“ zu Gerdas Bild:

Argwöhnisch beobachtete er das junge Mädchen. Wie sie leichtfüßig daher tänzelte, lächelnd, als kannte sie keine Sorgen. Dieses Unbeschwerte, Optimistische stieß ihm sauer auf. Die Welt war düster und erschreckend. Nichts Schönes und Gutes konnte er darin finden. Sie aber ging an ihm vorüber, summte ein Liedchen und nickte ihm freundlich zu.

Bild von GERDA KAZAKOU

Perplex stand er da und fragte sich, wie er sie lehren könnte, dass ihre Fröhlichkeit fehl am Platz war, dass ihre gute Laune nur auf einer Illusion aufbaute. Hass musste man empfinden, wenn man sich mit dieser Welt auseinander setze. Hass und Ekel und nichts als Abscheu.

Und wie sie da so ihres Weges ging, und die kleine Melodie noch eine Weile zu hören war, da erschrak er ganz plötzlich. Dieses Lied kannte er doch. Das hatte er selbst in jungen Jahren oft gesungen. Erstmals seit langem erinnerte er sich wieder an früher und eine Zeit, in der er noch nicht so verbittert war.

Als junger Mann hatte er noch gedacht, dass die Welt nicht nur schlecht sei. Nein, dass sie sogar sehr schön sein konnte und dass es viel Gutes darin gab. Es war noch nicht alles schwarz-weiß. Da gab es Farben und Schattierungen. Er hatte Zukunftspläne geschmiedet und wunderbare Träume gehabt. Hoffnung und Zuversicht hatten ihn durch den Tag getragen.

Da wurde er sehr nachdenklich und zog sich zurück in seine dunkle Höhle, in die er vor Jahren vor den anderen Menschen geflohen war. Er vergrub sein Gesicht in den Händen und wurde ganz klein und still.

Irgendwann hörten die bösen Gedanken in ihm auf. Alles war ruhig. Sein Hass schwieg und er fing an darüber zu grübeln, was ihn zu dem gemacht hatte, der er heute war.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken und als er sich ängstlich umdrehte, sah er den Geist seiner Jugend, der sich wie ein Schatten hinter ihm erhob.

 

fels_gerda_bearbeitet

abc-Etüden | Märchenstunde

Also, bei Christiane gilt ja wirklich irgendwas ist immer und oft hat es mit drei Geschenken zu tun, die man nur noch verpacken muss, um sie der Bloggercommunity überreichen zu können.

Diese drei Wortgeschenke heißen diesmal

Pusteblume, Käsehobel und versteigern und kommen von Andrea aus Bremen. Hübsch in maximal 10 Sätze einwickeln, Masche drumrum und schon sind sie fertig für die abc-Etüden.

Klassische Märchen lesen sich ja oft ganz witzig bis seltsam, weil sie auch die Zeit, in der sie geschrieben wurden in ihren Bildern und Formulierungen transportieren. Aber man kann sie ja ein bisschen abkürzen, aufpimpen und updaten. Los geht’s:

The brave Schneiderlein

Ein kleines Schneiderlein saß betrübt auf seinem Tisch in seiner kleinen Werkstatt und wartete vergeblich auf Kundschaft, denn alle Welt kaufte nur noch Billigtextilien aus Asien und niemand ließ mehr seine kaputte Kleidung flicken oder nähen.

Da spazierte es hinaus vor die Tür, rupfte gedankenverloren eine Pusteblume aus und blies sie so stark und so lange an, bis 30 kleine Fallschirmchen auf einmal durch die Luft wirbelten und der Löwenzahn nur noch ein kahles Köpfchen hatte. Entzückt lief das Schneiderlein in seine Werkstatt, nahm ein T-Shirt und stickte darauf  „30 @ 1 stroke“, denn auf Englisch sähe jeder Spruch cool aus, dachte es.

Mit diesem T-Shirt wanderte es in die Welt hinaus, um sich nach einem anderen Job umzusehen und traf alsbald auf einem Berg einen Riesen, der sogleich beeindruckt war von dem T-Shirt und dem Schneiderlein seine Dienste als Bodyguard aufdrängen wollte, weil es für Riesen auf dem Arbeitsmarkt noch trister aussah als für Schneider.

Das Schneiderlein aber wollte den Riesen lieber los werden und zog aus seinem Rucksack einen uralten Laib Käse, den es wohl vor Wochen hineingelegt und vergessen hatte und der nun nicht nur aussah wie ein Stein, sondern auch ebenso hart war.  Das Schneiderlein fing an, mit einem Käsehobel Stückchen abzuschneiden, die es dann genüsslich verspeiste und fragte den Riesen wie beiläufig, ob er denn auch so ein toller Kerl wäre, der Steine essen könnte.  Der Riese wollte es sogleich versuchen, nahm einen großen Felsbrocken und erstickte leider daran.

Das Schneiderlein machte zufrieden ein Selfie von sich und dem Riesen, postete es erst auf Instagram und dann auf ebay, um sein T-Shirt – sein letztes wertvolles Hab und Gut – zu versteigern und vorher noch ein paar Likes zu kassieren.

Irgendein Dummer zahlte schließlich eine Unsumme dafür, weil er meinte das Schneiderlein habe sicherlich 30 Riesen erlegt und sei ein supercooler Typ.  Und das Schneiderlein lebte bis ans Ende seiner Tage zwar ohne Job, aber dafür in Saus und Braus in irgendeinem Steuerparadies, weil es keine Spekulationssteuer im kleinen Alpenland zahlen wollte.