100 Stufen unter der Erde (U-Bahngeschichten)

100 Stufen unter der Erde herrscht reges Treiben. Zwischen glühendem Erdkern und etwas weniger lebensfeindlicher Oberfläche liegt zwar nicht Mittelerde, aber immerhin das U-Bahnnetz Wiens. In den Tunnelröhren trifft alles aufeinander, was entweder aus Bequemlichkeit, Ökofanatismus oder einfach aufgrund fehlender Alternativen von einem Punkt der Hauptstadt an eine andere kommen möchte. Tag für Tag sorgt der gesellschaftliche Mix dort unten für Erlebnisse der anderen Art. So kam es auch zu folgender Szene:

M. Mama betritt Einkaufstasche schleppend den Bahnsteig. Die Vorzüge des Landlebens stoßen dort an ihre Grenzen, wo die Hausfrau und Mutter bestimmte Haushaltswaren und Lebensmittel erstehen will, die es im einzigen Geschäft im Ort nicht gibt. Deshalb heißt es die Pflicht mit dem Nützlichen zu verbinden und auf dem Heimweg aus dem Büro noch einen Teil des Wocheneinkaufs zu erledigen.

Die U-Bahn fährt ein, M. Mama besteigt einen Waggon und sucht nach einem der spärlich vorhandenen freien Sitzplätze. Mit der Einkaufstasche am Schoß versucht sie sich sodann die Fahrzeit mit Internetsurfen am Handy zu vertreiben. (Was hat man nur früher während der U-Bahnfahrt gemacht, bevor es Smartphones gab?)  Doch die Aufmerksamkeit richtet sich sehr schnell auf ihr Gegenüber, ein junges Paar mit Kleintiertransportkäfig. Neben dem Kleidungsstil verraten sehr schnell auch die Worte der jungen Frau, dass es sich bei dem Pärchen um Junkies handeln dürfte. Sie mitteilungsbedürftig, er sehr schläfrig. Dem drogenseligen Gelalle ist zu entnehmen, dass die beiden mit Muckel dem Meerschweinchen unterwegs zum Tierarzt sind.

M. Mama schaut angestrengt auf das Handydisplay, aber dem Redeschwall der jungen Frau kann man sich akustisch nicht entziehen. Man leidet ja mit, mit Muckel, dem es schon seit gestern Abend nicht besonders gut gehen dürfte und fragt sich, ob dem Tier die Medikamente dann auch verabreicht werden oder diese viel eher … Ach weh!

Die U-Bahn hält in einer Station. Als sie ruckartig wieder losfährt, fällt eine Avocado, die ganz oben in M. Mamas Einkaufstasche lag, auf den Boden und rollt genau unter der Sitz des Frauchens von Muckel.

„Nicht angreifen, Hepatitis A, B oder C!“ schießt es M. Mama etwas übertrieben und mit nur bruckstückhaften medizinischen Kenntnissen durch den Kopf, aber da bückt sich die junge Frau auch schon nach der Frucht. „Hoppala! Da wird auf uns geschossen mit … ich weiß gar nicht, was das ist…“ ruft das kommunikative Wesen und hält M. Mama die Avocado hin. Wenig erstaunlich, dass sie die Frucht nicht kennt, denkt unsere Bloggerin nüchtern. Avocados werden weder geraucht noch intravenös genossen. M. Mama versucht ihre vorurteilsbeladenen Gedanken rasch in die unterste Schublade zurück zu schieben und möchte sich schon bedanken, da ruft die Frau noch lauter: „Filmen Sie uns etwa? Ich sehe da meine Tasche auf ihrem Handy!

Das sind die Momente, auf die man unbewußt immer wartet, wenn man in einen Waggon steigt und einer langwierigen und langweiligen Fahrt im Schwarz der U-Bahntunnel entgegensieht: Die erhobene Stimme ein paar Reihen weiter (man selbst in sicherer Entfernung), ein kleiner Tumult im Ausstiegsbereich, ein Telefongespräch, das besser in privater Atmosphäre geführt werden sollte – irgendeine Arte von Action.

Der halbe Waggon dreht sich also zu uns um, um die aufgeflogene Undercoveragentin zu betrachten. Köpfe heben sich über Rückenlehnen und recken sich in den Gang hinaus. Da saß ich dann also mit meinem Handy in der Hand und stellte fest, dass ich offenbar das Kamerasymbol berührt hatte, als ich mich selbst nach der Avocado bücken wollte. Auf dem Display war das (übrigens etwas unordentliche, wahrscheinlich aber nur für Drogenfahnder interessante) Innenleben der offenen Handtasche der jungen Frau zu sehen.

Der 3. Mann musste noch durch die Abwässerkanäle Wiens gejagt werden, die moderne Frau von heute mit Zweitleben fährt lieber klimatisiert Öffi!

So, damit ist das Geheimnis nun gelüftet: Es gibt einen guten Grund, warum ich kein Doppelleben als Polizeispitzel, Geheimagentin oder Detektivin führe: Sogar Junkies auf Drogen würden mich auffliegen lassen. Aber 100 Stufen unter der Erde kann viel passieren. Also, rücken Sie zur Seite, wenn mit Windelpackungen und Gemüse beladene Mütter in die U-Bahn steigen. Man kann nie wissen, ob sie nicht vielleicht fast perfekt getarnt undercover unterwegs sind!

 

4 Gedanken zu “100 Stufen unter der Erde (U-Bahngeschichten)

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