Schlagwort: Mütter

Verein bar(e Eitel)keiten

Wenn man einem Verein beitritt, sollte man nicht alles für bare Münze nehmen, was einem durch die Mitgliedschaft versprochen wurde.

Wer dem Fitnessverein monatlich ein Unsümmchen zukommen lässt, muss trotzdem noch selbst dort vorbeischauen und sich verausgaben, um durch die Mitgliedschaft zu einem sichtbaren Erfolgserlebnis zu kommen.

Wer sich einem politischen Verein anschließt, wird vielleicht nicht ganz so große Diskrepanzen zwischen dem „Ich bin dabei“ auf dem Papier und dem „Ich bin dabei“ im Vereinslokal vorfinden. Böse Zungen behaupten, dass hier wie da gelogen wird – im Programm und im Verein. Aber das ist natürlich nur ein Märchen oder trifft nur auf ganz vereinzelte Parteien zu, die sowieso der Märchenwelt zu entstammen scheinen.

Mit dem, worauf ich hinaus will, hat es nicht unmittelbar zu tun. Aber mittelbar ist sowieso alles mit allem über zig Ecken irgendwie verbunden, dann kann eine Einleitung auch getrost x-beliebig sein, nicht wahr?

Der Verein berufstätiger Mütter bekommt laufend Zuwachs, gerade so wie die Mütter. Jedoch auch die Fluktuation dürfte groß sein. Kaum sind die Kinder dem Teenager-Alter entwachsen, ist die Mutter auch schon wieder draußen aus dem Verein. Ruckzuck. Dann ist sie zwar immer noch Mutter und berufstätig, aber das Kind verlangt gewöhnlich vor allem seine Unabhängigkeit vom Elternhaus (finanziell vielleicht noch nicht, aber in allen Entscheidungsangelegenheiten selbstverständlich schon). Knappe zwei Jahrzehnte Mitglied im Verein und dann ist man also schwupps auch schon wieder ein Alumni. Vermute ich zumindest. Fragen Sie mich doch bitte in rund 15 Jahren wieder, wie das „Ruckzuck, schwupps“ so war.

Vereinbarkeit von Mutterdasein mit beruflichem Engagement wird ja allerorten als große Mär dargestellt. Auf Blogs wird geklagt, wie wenig Zeit Mütter für alles haben  – wer meinem Blog schon länger folgt, weiß, dass bei mir jeder dritte Beitrag von nichts anderem als kaschiertem Selbstmitleid handelt. Im Kaffeehaus gibt es unter Müttern selbstverständlich nur das eine Thema und am Telefon in der U-Bahn wird der Stress mit der Freizeitaktivitätenlogistik-Kkindererziehungshaushaltserledigungen-Joberfüllungsplagerei der Freundin/Mutter/Schwester/Oma/Tante/Arbeitskollegin in allen Details geschildert.

Heute wage ich mich vor und sage: Die Mär ist eine Mär und alles ist nur halb so schlimm. Schauen wir doch einmal genauer hin:

Die Kinder

Da braucht es gar nicht so viel elterlichen Beistand, wie man heutzutage immer meint. Die klettern auch ohne mütterliche Beaufsichtigung einfach auf die Rückenlehne der Kinderbank, um sich dann von dort aufs Fensterbrett zu schwingen, hinüber zu balancieren zum Regal, um dort irgendwas herunter zu nehmen, was ihnen die Mutter nicht reichen wollte (weil es besser in Erwachsenenhände gehört).  Selbst ist das Kind!

Wirklich Leute, die Kinder wissen sich selbst ganz großartig zu beschäftigen. Lasst sie doch mal! Und die Medizin- und Versicherungsbranche muss schließlich auch von etwas leben.

Der Haushalt

Die Wirtschaft muss angekurbelt werden, damit wir alle im Wohlstand leben können. Das ist hoffentlich allen bekannt und auch von durchschaubarer Logik.

Gegen einen Stillstand im individuellen Haushalt kämpft der Nachwuchs für euch mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln an: Schmutzwäsche – ganze Berge voll. Krümel und Sand in der ganzen Wohnung – ohne separate Aufforderung. Fensterbemalung mit fettigen Fingern, Zunge und Nase gleichzeitig – kreativer geht es ja wohl nicht.

Erkennt diese Leistungen der Kinder vorbehaltlos an und macht es zu eurem Ehrenamt, hinter der Jugend aufzuräumen, andere Vereinsmeiereien sind bei weitem nicht so fordernd. Oder ihr könnt einen Beitrag zur Schattenwirtschaft leisten. Die muss nämlich sowohl ökonomisch (nutzentheroretisch) als auch ökologisch als das Mittel erster Wahl betrachtet werden. Schließlich gilt schon seit dem Ozonloch „Besser ab in den Schatten!“

Das Pendeln

Das trifft ja noch nicht einmal jeden. Mich allerdings schon und es verschlingt enorm viel Zeit. Aber da bin ich nun wirklich ganz alleine daran schuld und wann würde ich sonst die vielen guten Blogbeiträge lesen, die so im www herumschwirren? Manchmal gibt es für die Treue sogar extra Minuten: Zugverspätungen sind ja nur ein verdecktes Bonusprogramm.

Dank sei den Öffis. Müsste ich nämlich die ganze Strecke selbst fahren, ginge das mit dem Herumsurfen am Handy nebenbei eher schlecht. Lebt man am Land muss man bei uns auch nur einige Kilometer mit dem Auto fahren, um zum nächten Bahnhof zu kommen. Auf diese Weise fördert man die Ölindustrie und trägt seinen sozialen Beitrag zur Allgemeinheit mit der Mineralölsteuer bei. Eine win-win Situation für alle, außer vielleicht für die Luftgüte, aber he! Manch Dampfplauderer erzeugt mehr heiße Luft.

Der Job

Damit sind wir auch schon beim Gipfel der Eitelkeiten angelangt. Reibt euren kinderlosen Kollegen die Pflegefreistellungstage, die ihr alle zu nehmen gedenkt, weil die Kinder alle zwei Wochen krank sind, bloß nicht unter die Nase, sonst denken die noch, ihr kommt nicht nur spät (nachdem ihr zwar früh aufgestanden seid, aber trotzdem aufgrund von ein paar kleineren Dramen reichlich spät im Kindergarten wart) und geht extra früh (um die Kinder vom Kindergarten wieder abzuholen bevor er schließt, wobei der Nachwuchs das oft gar nicht zu schätzen weiß, weil ein paar Freunde noch bis zur wirklich allerletzten Minute bleiben dürfen – da ihre Eltern erst ein paar Minuten nach dem offiziellen Schluss angehetzt kommen), sondern ihr habt auch noch Sonderurlaub.

Fazit

Alles in allem lässt sich das alles ganz wunderbar unter einen Hut bringen. Der Hut muss nur in etwa die Größe von China haben.

chinahut

 

Testlauf präääpubertär

Zwei Kinder laufen fröhlich durch eine Blumenwiese im Frühsommer. Mit den ausgestreckten Fingerspitzen berühren sie die bunten Blüten, rufen schon von weitem „Mama! Papa!“, winken und lassen sich von den Eltern, die vor einem schmucken Einfamilienhaus (mit Pool im Garten) stehen, auffangen und herumwirbeln. Dann fallen alle gemeinsam lachend ins Gras.

Szenenwechsel: Eine Rennstrecke. Die jungen, actionsuchenden Fahrer können kaum den Start abwarten. Sie geben sofort richtig Gas und brausen los, aber im Testlauf wirft es einige aus den Kurven oder sie verreissen mittendrin in ihrem Übermut das Lenkrad und krachen gegen Seitenwände, andere Rennautos und Prallböcke.

Das erste ist – natürlich – keine Schilderung eines Tages bei M. Mama und Familie. Viel zu kitschig. Und das zweite ist kein Geschwindigkeitsrauschtraum nach dem Ansehen der 100 Fortsetzung von „Fast and Furious“. Nein, nein. Die Blumenwiesenszene vermittelt ein bisschen meine Vorstellung von Familie-mit-Kindern-haben bevor (!) ich Familie mit Kindern hatte. Und die Rennstreckenszene vermittelt ein bisschen wie es sich manchmal anfühlt, kleine Kinder zu haben. Dabei bin ich aber nicht einer der eher orientierungslosen, aber voller Energie steckenden Rennfahrerinnen, nein, ich bin der Prallbock oder die Leitschiene und die Seitenwand – ich bin einfach überall, wo man testen kann, wie hart ein Aufprall ist und was der Widerstand so alles aushält. *seufz*

50 ist das neue 30 behaupten manche oder auch 80 das neue 60. Ich nehme an, man kann hier jedes beliebige Lebensjahrzehnt einsetzen, aber neulich hörte ich tatsächlich, dass „die Kinder mit 4 Jahren in der ersten Pubertätskrise stecken„. Und Jaaaaaa, das Gefühl habe ich auch.

Täglich wird absichtlich an Grenzen gestoßen, gerüttelt. Nicht nur einmal und gut ist, nein, wieder und wieder und wieder. Und ich muss da irgendwie dagegen halten. Erklären, nachfragen, auch mal einfach ignorieren. Was ich dabei vor allem erfahre: Meine Grenzen!

Während die Zweijährige stolz alle neuen Worte, die sie kennenlernt, übt, testet die 4-Jährige die Reaktionen auf Worte und vermeintlich Provokantes. Worte, die empören, machen Spaß. Schlimm sein ist cool und Coolsein plötzlich ur-in. Mit dem zweijährigen Echo im Schlepptau höre ich also die dümmsten Sprüche im Doppelpack. *Doppel-seufz*

Und dann eben auch einmal so etwas:

Ich stehe gerade unter der Dusche, da kommt E im üblichen 4-jährigen Galopp angetrabt (normales Gehtempo gibt es ja nicht  mehr – entweder wird gerobbt, gekrochen und geschlichen oder gerannt und getanzt), reißt die Tür auf und schreit mir ein Wort entgegen. Danach zerkugelt sie sich fast vor Lachen und verschwindet wieder.

Ich rätsle eine Weile, ob es wohl etwas war, worauf ich reagieren sollte und vor allem, was es war. Hoffentlich kein Kommentar auf meinen Körper bezogen. Der Körper ist nämlich auch so ein Thema, das gerade sehr interessiert, aber die Bemerkungen von 4-Jährigen über den Körper von 40-Jährigen ist höchstens was für Twitter und ein paar Empathie-Likes.

Da höre ich die kleine Z herumlaufen und eifrigst wiederholen, was die Große jetzt auf Dauerschleife ruft: „Gnädigste! Gnädigste!“ Gnädigste haben sie mich also genannt, meine beiden Schätze. So alt fühle ich mich zwar eigentlich noch nicht oder nur ganz selten und wenn mich einmal jemand so nennen würde, hätte ich erwartet, dass es ein älterer Herr wäre, aber immerhin: Der Erziehungsauftrag darf kurz Pause machen und ich kann die Dusche vor mich hin schmunzelnd genießen.

geradestrasse
So eben und geradlinig verläuft die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit meist nicht, da bedarf es Hindernisse und Regeln, an denen man sich die Ecken und Kanten abstoßen kann, um den eigenen Weg zu finden