Schlagwort: Lyrik

Stell Dir vor …

Stell dir vor, nur wenn du leidest, bist du etwas wert.

Stell dir vor, dein Flehen wird niemals erhört.

Stell dir vor, du lebst tagein, tagaus zwischen rostigen Stangen,

stell dir vor, sie halten dich jahrzehntelang in einem Käfig gefangen.

 

Stell dir vor, du warst frei und jetzt bist du’s nicht mehr.

Stell dir vor, du hast Hunger, doch deine Schüssel bleibt leer.

Stell dir vor, wenn dein Körper versagt, ist es dein Todesurteil.

Stell dir vor, selbst dein Sterben dauert lang, ist eine noch größere Pein.

 

Stell dir vor, es gibt Menschen, die kennen kein Erbarmen.

Stell dir vor, während du krepierst, sitzen sie unbekümmert im Warmen.

Stell dir vor, wahnsinnig vor Durst zwängst du deine Pfote durch die Stäbe,

stell dir vor, sie haben beschlossen, dass dir niemand mehr etwas gäbe.

 

Stell dir vor, es gibt Menschen, die wissen von deinem Schreien,

Stell dir vor, sie kommen dich zu retten, dich endlich zu befreien.

Stell dir vor, es ist so weit: „Eine bittende Pfote, seht doch, seht!“

Stell dir vor, sie öffnen deinen Käfig, aber für dich war es leider zu spät.


Weil Bärengallenfarmen leider noch immer Realität sind:

Animals Asia

Zum Hundersten …

Da ich vor kurzem meinen 100. Beitrag auf wordpress feiern durfte, aber das Jubiläum eigentlich verschlafen und dann auch noch vergeigt habe (dazu bald mehr), heute ein zur runden Zahl passendes Gedicht aus meiner „frühen Blogger-Schaffensperiode“:


 Einhundert Worte – Die Weggabelung

Ich fühle mich getrieben, was auch immer ich mache,

bin völlig erschöpft, selbst dann, wenn ich lache.

Inmitten der Menschen, bleibe ich ganz allein.

Ich frage mich selbst: „Wer will ich denn sein?“

 

Weshalb geh‘ ich nicht fort, warum bin ich noch hier?

Doch bin ich erst weg, was bliebe übrig von mir?

Alte Fotos, meine Kleider – ich lasse alles zurück,

Vorhang auf für das Finale, des Lebens letztes Stück.

 

Entsteht eine Lücke? Wir belügen uns gerne.

Ersetzbar sind alle, ich bin längst in der Ferne.

Langsam, ganz langsam, die Erinnerung verblaßt,

die Gewissheit tröstet, ich habe nichts mehr verpasst.

 


Ursprünglich als Einhundert Worte – Die Weggabelung  am 2. Jänner 2016 veröffentlicht.

Mein Garten

Vor einiger Zeit machte mich Pfeffermatz darauf aufmerksam, dass es neben dem „Fibonaccichen“ auch „Elfchen“ gibt. Diese Bezeichnung finde ich aufgrund seiner Doppelbedeutung besonders reizvoll. Neben der Nennung der Anzahl der Worte (11), aus denen das Gedicht bestehen soll, klingt auch das Wort Elfe¹ mit. … Mein Garten weiterlesen

Und in der Ferne die Gegenwart

Ich

warte, dass die Zeit vergeht.

Ich warte täglich, von früh bis spät.

Ich warte. Worauf? Weiß ich es überhaupt?

Ich warte auf auf mein Leben.

Bald geht es los! Daran habe ich immer geglaubt.

 

Ich schaue auf mein Handy,

ich schaue auf die Uhr,

einer Schnecke gleich ziehen die Minuten eine zähe Spur.

Ich checke meine e-mails,

ich lese dieselben (alten) news,

beantworte schnell eine Nachricht,

natürlich ‚mit liebem Gruß‘.

 

Doch mein Herz fühlt nichts als Rastlosigkeit.

Versäumnisse, Stillstand, keine Erfüllung weit und breit.

Mein Körper ist hier im Raum, er ist träge und leer,

atemlos rennt meine Seele den Schatten der Träume hinterher.

 

Kinder spielen rund um mich, hüpfen und lachen.

Mama, komm! Kannst du bitte mitmachen?‘

Ich sehe ihnen lange zu,

spüre Pflicht statt Freude, komme nicht zur Ruh‘.

In meinem Versteck kann ich ganz für mich sein.

Einen kurzen Augenblick lang bin auch ich wieder klein.

 

Früher,

als Kind gab es sie noch, die selbstvergessene Zeit.

Versunken im Hier und Jetzt, die Tage endlos und weit.

Ein Gefühl der Freiheit, das später nur noch im Sommer in mir brannte,

Ein Gefühl der Glückseligkeit, das sich einfach nur Kindheit nannte.

 

So viele sogenannte Freunde nehmen nur, statt auch zu geben.

Bald schon drängte sich eine unstillbare Sehnsucht in mein Leben.

Ach, wäre ich doch endlich erwachsen und groß!

Dann ginge mein Leben endlich richtig los!

Jetzt

bin ich erwachsen, und warte noch immer.

Jetzt bin ich erwachsen, aber die Sehnsucht ist noch schlimmer.

Ich weiß, dass die Zukunft einfach passiert,

und habe es trotzdem noch immer nicht kapiert:

 

Zukunft geschieht, sie kommt und geht.

Doch ist sie dann da, scheint es längst schon zu spät.

Die Zukunft am Horizont der Gegenwart, fern und schön.

Morgens voller Hoffnung, abends seh‘ ich sie untergeh’n.

 

Mama, mach mit!

Fröhliche Kinderaugen lachen mich an.

Ich drehe mich um zur Wand – ich bin mit Zählen dran.

‚1, 2, 3, 4…‘

Die Schritte werden leiser, entfernen sich von mir.

 

Was könnte ich noch finden? Mir ist doch alles schon bekannt.

Mein Leben ist jetzt, es ist hier, in diesem Moment.

Ich gehe suchend durch den Garten.

Alles andere kann warten.

 

 

 

Manchmal

Manchmal fühle ich mich von den Aufgaben, die auf mich warten, erdrückt.

Manchmal möchte ich mich einfach in den Schlaf weinen und hoffe, dass alles anders ist, wenn ich wieder erwache.

Manchmal dauert oft ein paar Tage.

Manchmal dauert oft ein paar Wochen.

Manchmal hat keinen Anfang und kein Ende.

Und ich?

Ich liege da und rühre mich nicht und warte, bis manchmal wieder vorbei ist.

Am Ende des Weges, wo die Sprache versiegt …

Mit einem Schlag änderte sich dein Leben vollkommen.

Zurückgeworfen an den Anfang, hilflos, benommen.

Fast alles was war, scheint vergessen und ohne Sinn,

der Körper gelähmt, Teile deines Seins – für immer dahin.

 

Ein sauberes Zimmer, freundlich und hell.

Helfende Hände, doch dir geht alles zu schnell.

So viele Menschen drängen sich dicht an dicht,

betroffene Blicke, flüsternde Stimmen – „Kennst du mich nicht?“

 

Deine Worte sind zahlreich, doch wir verstehen sie nicht mehr,

irgendwann gibst du auf und dein Zimmer wird leer.

Dich so hilflos zu sehen, schmerzt und bedrückt,

manchmal bist du dem Leben rundherum schon entrückt.

 

Gefangen in einem Körper, der dir entgleitet,

Tränen der Scham, die Augen angstgeweitet.

Langsam, in Wellen erlischst du – hier im Pflegeheim.

Wird am Ende des Weges auch jemand bei dir sein?

 

Ich halte ein altes Foto von uns in der Hand,

du bist höflich zu mir, hast mich nicht erkannt.

Es tut weh, doch mein Schmerz ist nur klein

verglichen mit deinem Leid, sprachlos zu sein.

 

Ich fühle, dein Unbehagen ist groß, wenn ich bei dir bin.

Du bist erschöpft von den Besuchen, denkst, ich sei eine Pflegerin.

Ich frage „Willst du dich ausruhen“, du nickst, ich gehe.

Ich weiß, dass ich dich in diesem Leben wohl nie mehr sehe.

 

In meinem Herzen trage ich ein Bild von dir in jüngeren Jahren,

so herzlich wie damals will ich dich in meiner Erinnerung bewahren.

 

gewidmet: H.D.