Vor mehr als zwanzig Jahren hörte ich zum ersten Mal das Wort Kinesiologie. Ein Freund erzählte mir davon, da seine Bekannte eine Ausbildung zur Kinesiologin machte. Ich dachte damals, es wäre so etwas wie Sinologie – also es hätte etwas mit China zu tun; ich hatte auch angenommen, es würde „Chinesiologie“ geschrieben – und war beeindruckt. Bald lernte ich, dass sich das Wort vom Griechischen Kinetik herleitet und sich das Logos in diesem Fall auf die Lehre einer alternativen Diagnose- und Behandlungsmethode bezieht. Meine Erfahrungen mit diesen, nennen wir es, interessanten Diagnosekonzepten? Nun ja, es begann mit meiner Katze.

Ich hatte sie bekommen nachdem sie – vermutlich durch einen Unfall – schwere Verletzungen erlitten hatte. Ein Knochenbruch war unbehandelt geblieben und die Folgen der unterlassenen Hilfe durch den Vorbesitzer spürt das arme Tier bis heute. Die falsche Belastung des Bewegungsapparates, die Abnützungserscheinungen mit zunehmenden Alter – das alles führt zu immer wiederkehrenden Entzündungen und damit verbundenen Schmerzphasen. Das alles weiß ich heute. Vor einigen Jahren, als das Kätzchen bei mir einzog, wusste ich es noch nicht.

Die Entzündung war damals so schlimm, dass sie nahezu gehunfähig war. Die Verletzung zu alt, als dass sie hätte operiert werden können. Mit Medikamenten und Bewegungstherapie erholte sich die Katze jedoch  so weit, dass sie nach einigen Monaten sogar wieder herumspringen konnte. Es erschien mir wie ein Wunder.

Dann kam der erste Rückfall. Die Schmerzen waren so schlimm, dass sie sich das Fell büschelweise ausriß. Es war natürlich ein Wochenende und mein Tierarzt hatte keinen Notdienst. Also fuhr ich mit meiner Katze zu einer nahegelegenen Tierklinik, wo ihre Vorgeschichte unbekannt war. Die Röntgenbilder hatte im Streß zu Hause vergessen und ein neuerliches Röntgen wurde nicht gemacht, denn ich kam an eine Tierärztin, die meine Erzählungen über den gebrochenen, falsch zusammengewachsenen Knochen geflissentlich überhörte. Die Medizinerin hielt das ganze eher für ein psychisches Problem – ob sie es vor allem auf mich oder doch meine Katze bezog, blieb ungesagt. Ich glaube sie hielt mich für eine „crazy cat lady“ mit  Münchhausen-by-proxy Syndrom oder so. Erst kurz davor war ich schon einmal an sie geraten:

Damals mit einem flüggen Wildvogel. Die Katze der Nachbarin hatte den Jungvogel erwischt und trieb vor der Haustür ihre grausamen Spielchen mit ihm als ich von der Arbeit nach Hause kam. Ich schnappte mir das verletzte Tier und brachte es sofort in die Klinik. Unterwegs – der Vogel saß in meinem alten Hamsterkäfig auf dem Beifahrersitz und starrte mich geschockt und mit sichtbar wild pochendem Herzen an – versprach ich ihm, dass ich ihm helfen würde und er keine Angst vor mir zu haben brauchte. Naiv? Ich weiß, aber instinktiv wollte ich etwas Tröstliches sagen und ich hoffte inständig, dass ein Verband oder eine OP, die ich auch zu bezahlen bereit war, helfen würde. Als besagte Tierärztin das verletzte Tier sah, erklärte sie mir sofort, dass es nur noch eingeschläfert werden könnte. Ein offener Bruch am Flügel, da wäre jeder Rettungsversuch völlig sinnlos. Vielleicht war es eine medizinisch sinnvolle Entscheidung. Der Vogel hätte womöglich sein Leben in Gefangenschaft verbringen müssen und das ging bei Wildvögeln selten gut. Dennoch quälte mich die Erinnerung an den Blick des Vogels und mein gebrochenes Versprechen noch sehr lange nachdem ich mit leerem Hamsterkäfig die Klinik verlassen hatte. Ich hatte das arme Tier von einem Henker zum anderen gebracht!

An meiner Katze konnte die Ärztin durch Abhorchen und Begutachten der kahlen Hautstellen keine ihr plausibel erscheinende Ursache finden. Sie  empfahl mir eine Kinesiologin, deren Visitenkarte sie mir zusammen mit der Rechnung überreichte. Nun mögen alle vernunftbegabten Menschen sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. [Mein Mann meint schon, wenn er das Wort „Kinesiologie“ nur hört: „Ich habe alles gesagt, was zu sagen ist“]. Eine zweite Meinung hätte ich einholen sollen! Im Nachhinein ist mir das auch klar, aber damals war ich wirklich verzweifelt, da meine arme Katze ein so eigenartiges Verhalten an den Tag legte: Abruptes Stehenbleiben, Hautschauer, Haare ausreißen, wie von der Tarantel gestochen davon sausen. In der Klinik war mir durch die Tierärztin versichert worden, das sei eine Fall für die Kinesiologie. Ich wandte mich also hilfesuchend, natürlich etwas skeptisch, an die Nummer auf der Visitenkarte und die Kinesiologin kam auch prompt zu mir nach Hause.

Mit einer Astgabel oder so etwas Ähnlichem begab sie sich zu meinen Katzenfuttervorräten, welche sie in Bezug auf Qualität zunächst sehr lobte: Bio und hoher Fleischgehalt. Als „crazy cat lady“ kaufte ich für meinen Liebling meist im Biotierfutterladen und bei einem Preis pro Dose für den ich in einer billigen Mensa ein ganzes Menü für mich selbst bekäme, erwarte ich mir auch etwas mehr als von den zusammengemischten Abfällen in so manchem Futter beim Diskonter. Während ich mich noch über das Lob freute, obwohl es ein „no-na-ned“ [wienerisch für: ist ja selbstverständlich] Fall war, schlug die Astgabel aus! Also, ich selbst sah genau genommen nichts davon, aber die Dame spürte etwas und stellte daraufhin unter Zuhilfenahme irgendwelcher Fläschchen fest, dass meine Katze eine Futtermittelallergie hatte. „Kein Geflügel mehr“. Nun, das ist leichter gesagt, als getan. Ich durchforstete in den darauf folgenden Wochen brav die Tiergeschäfte nach geflügelfreiem Katzenfutter und siehe da: Meiner Katze ging es bald wieder besser!

Ich war zutiefst beeindruckt. Die Kinesiologie war mir sehr suspekt erschienen und nun hatte ich den lebenden Beweis für ihre Wirksamkeit täglich vor meinen Augen und vor allem zufrieden schnurrend auf meinem Schoß!

Und dann, plöztlich, ging es meiner Katze wieder schlecht, obwohl sie nur noch Lamm, Rind und Fisch etc. und KEIN Geflügel fraß. Nachdem mein Mann von Anfang an die Kinesiologie für absoluten Humbug gehalten hatte, suchten wir diesmal eine andere Tierklinik auf und wie es der Zufall so wollte, gab es dort eine Tierärztin mit chiropraktischen Kenntnissen. Sie hörte sich die Vorgeschichte an, machte ein neues Röntgen von der alten Verletzung und erkannte das tatsächliche Übel: die alte Verletzung und alle Folgeschäden daraus. Macht meine Katze eine falsche Bewegung, kann es ganz plötzlich zu sehr starken Schmerzen führen, so schlimm, dass sie sich verzweifelt die Haare an der schmerzenden Stelle ausreißt.

Warum die Kinesiologie auch ein paar Wochen geholfen hat?

Ist ein Nerv eingeklemmt oder gar ein Wirbel verschoben, dann bessert sich das manchmal auch von selbst nach einiger Zeit wieder und die vielen extra Streicheleinheiten führten einerseits zu Entspannung als auch dazu, dass sie ein bißchen weniger herumhüpft und sich dadurch schonte.