Immer mehr Kinder leiden an immer mehr Allergien. Das ist das erschreckende Bild, welches den ohnehin schon in vielerlei Hinsicht stark verunsicherten Noch-Nicht-Eltern vermittelt wird, wenn sie sich auf die  verzweifelte Suche nach dem größtmöglichen Wissen über beste Erziehung, Ernährung und Pflege des Säuglings begeben.

Die Vorbereitung auf den ersten Nachwuchs ist für Eltern kein Honiglecken. Übrigens Honig: nicht für Kinder unter 1 Jahr!

Zur Allergieprävention dient die Abhärtung mit ein paar harmlosen Keimen. Diese Weisheit, dass ein bißchen Schmutz das Immunsystem stärken hilft, trägt ausgezeichnet zur Beruhigung meines Gewissens bei, wenn ich an den wenigen Tagen, an denen einmal beide Kinder gleichzeitig Mittagsschlaf halten, diese Zeit nicht für Erledigungen im Haushalt nütze, sondern mir eine kurze Pause oder etwas „me-time“ gönne.  Also, streng nach Vorschrift aller Elternforen und Ratgeberbücher: Bloß nicht zu viele Putzmittel oder übertriebene Hygiene. Das wurde auch schon meiner Generation als Binsenweisheit mitgegeben: Händewaschen ist wichtig, aber im Dreck spielen auch. Auf die Reihenfolge kommt es an.

So weit, so klar.

Im zweiten Winter gab ich es auf, die Tage im Kalender rot zu markieren, an denen das Kind einmal nicht eine rinnende Schnupfennase oder einen bellenden Husten hatte. Zwei Kinderärzte und andere Eltern beruhigten mich und bestätigten, dass das ganz normal wäre. Kleine Kinder, besonders wenn sie schon früh mit vielen anderen Kindern zusammen treffen, in Spielegruppen, beim Babyschwimmen etc., sind oft verkühlt, natürlich besonders in der kalten Jahreszeit. In der warmen Jahreszeit fängt sich der Nachwuchs dann andere Viren als die Rhinoviren und die Grippe ein. Sonst würde es ja eintönig. Eine Ärztin sagte mir einmal, ein Infekt alle 14 Tage sei die Norm. (Un)lustigerweise dauert so ein Infekt auch ziemlich genau 2 Wochen bis er wieder abklingt. Und mit Antibiotika will man ja so früh schließlich auch nicht auf Spatzen schießen – sozusagen. Wie oft und wie lange das Kind dann pumperlgesund ist? You do the math! Meine Familie könnte auf jeden Fall als Vorzeigeobjekt nicht nur für die Richtigkeit, sondern auch die Exaktheit dieser Schätzung auf Jahrmärkten auftreten bzw. heutzutage wohl eher durch Forschungslabors tingeln.

Mein Kind wurde also durch den Kontakt mit anderen Kindern und die täglichen Spaziergänge, Spielplatzbesuche oder Nachmittage im Garten ordentlich abgehärtet. Dass E auf allen Fotos im Winter eine Rotznase hat, ist halt die unschöne Seite.

Als Mutter lernt man (nimmt es auch zumindest beim zweiten Kind etwas gelassener), dass Kindern so leicht vor nichts graust und dass alles, was schmutzig ist ohnedies eine besondere Anziehungskraft hat. Aber ich halte absolut nichts von Veranstaltungen wie Masernparties und leichtfertigem Umgang mit ansteckenden Krankheiten. Infektionen sind oft genug unvermeidbar, weil Kinder einfach alles unbedarft angreifen oder bei einem erkrankten Kind die Symptome noch nicht zu erkennen sind. Im Lauf der Woche leert sich dann der Kindergarten sukzessive.

Mit etwas Hausverstand und einfachen Hygienegrundregeln lassen sich manche Ansteckungen aber vermeiden. Also warum, WARUM passieren mir und meiner Tochter Erlebnisse wie die folgenden?!

Episode 1:
Die Nachbarin, die manchmal auch für ein, zwei Stunden auf meine Kinder schaut, klopfte am ersten Tag der Ferien an und sagte, dass sie die ganze Woche zu Hause sei, und wir gerne vorbeikommen könnten. Ich freute und bedankte mich und schüttelte ihr die Hand. Da erwähnt sie im Weggehen, dass sie gerade auf dem Weg zum Arzt war, weil sie seit dem Vortag gelben Schleim hustete!

Klar, ich bringe die Kinder gleich vorbei und lasse sie ein wenig mit Viren und Bakterien vollhusten, danke! Da sparen wir uns auch das eklige Ablutschen der Griffe von Einkaufswagen im Supermarkt und das mühselige Herumrätseln, wo sich das Kind wieder angesteckt hat.

In solchen Momenten kommt mir die Cabbage Episode aus Scrubs in den Sinn. Während ich ins Bad stürze, um mir die Hand zu waschen, sehe ich vor meinem inneren Auge die neongrüne Wanderung und Ausbreitung der Bakterien vor mir und wie meine ganze Familie die Ferien mit Husten im Bett verbringen wird.

Scrubs – bacterial movement

Episode 2:
Im Sommer waren wir bei Freunden eingeladen. Die Kinder planschten ausgelassen gemeinsam im Babybecken. Als sie nach einiger Zeit erschöpft nebeneinander im 30 cm tiefen Wasser saßen, meinte meine Freundin zu ihrer kleinen Tochter sie solle nun lieber herauskommen und sich gleich abtrocknen. Ich fragte mich, was der Grund der Eile war, denn es war wirklich sehr heiß und das kühle Nass eine wahre Wohltat. Ich brauchte nicht lange zu spekulieren. Meine Freundin wandte sich wieder mir zu und erklärte mir ganz nebenbei, dass ihre X womöglich einen Harnwegsinfekt habe und sie heute abend noch Globuli kaufen wolle.

In solchen Augenblicken höre ich unweigerlich das schrille iiiiiii…..iiiiiiiii….iiiiiiiiii der Mordszene in der Dusche aus der 1960er schwarz-weiß Verfilmung von Hitchcocks Psycho mit Anthony Perkins,

The Shower – Psycho (1960)

gefolgt von einem verzweifelten „Why God!? Why!? Why me!?“ in meinem Kopf.

Diese laissez-faire Naivität mancher Bobos ist sagenhaft: Die Einladung zum Baden hätte noch mit der Anmerkung „Setzen wir unsere Kinder doch zusammen in eine Petrischale und warten wie lange es in dem Bakteriensumpf dauert, bis beide jammern, wenn sie pinkeln müssen!“

Man kann Einladungen bei Erkrankung der Gastgeber auch verschieben, das Telefon exisitert seit über 150 Jahren. Ein sms oder eine whatsapp Nachricht wäre auch o.k. gewesen.

Manchen Menschen ist es ganz offensichtlich nicht klar, wie Ansteckung funktioniert, und was es für Familien mit Kindern bedeutet, wenn ein Familienmitglied erkrankt: Welche „Seuche“ es auch immer sei, ohne Ausnahme werden der Reihe nach alle in der Familie daran erkranken. Als Mutter muss ich mich dann nicht nur um die armen leidenden Kinder, sondern auch noch um den besonders schlimm laborierenden Mann kümmern. Dann, wenn alle wieder gesund sind und den ganzen lieben langen Tag auf Mamas Nerven Xylophon spielen, dann werde ich selbst krank. Und um mich kümmert sich dann … meistens bin ich es selbst, während meine Lieben so wie immer von mir versorgt und die Kinder auch unterhalten werden wollen.

Episode 3:
Hier geht es weniger um Ansteckung, vielmehr um einen weiteren Anlaß für oben bereits genannten Ausruf

„Why God!? Why!? Why me!?“

Eine Freundin war mit ihrem kleinen Sohn zu Besuch, der noch Windeln trägt, aber schon fleißig Töpfchentraining macht. Die Kinder spielten fröhlich miteinander. Da unterbrach der Bub das Spiel, griff an seine Hose und meinte nervös “ Gaga“. So weit, so alltäglich im Leben einer Mutter eines Kleinkindes. Nun griff das Kind jedoch nach MEINER Hand und zog mich zum Badezimmer. Ich sollte ihn begleiten. Das war jetzt auch noch nicht wirklich ein großes Problem. Ich kann mir zwar angenehmere Nachmittagsunterhaltungen vorstellen, als fremden Kindern dabei zu helfen, ihr Geschäft zu verrichten, aber irgendwie würde ich das schon hinbekommen. Doch während ich von dem 2-jährigen Richtung Töpfchen gezogen wurde, rief mir seine Mutter zu, dass er schon seit einer Woche nicht mehr „Gaga“ machen hatte können und dass das Herumlaufen nun vielleicht endlich etwas bewirkt hätte. In diesem Moment brach ich in leichte Panik aus. Ich dachte fieberhaft darüber nach, welches Fassungsvermögen so ein Töfpchen wohl hatte und ob die Packung Feuchttücher für das, was da auch mich zukam, auch nur annähernd ausreichen könnte.

Im letzten Moment rettete mich meine Tochter, die ihrem Lieblingsmotto „Ich auch, ich auch!“ folgend, plötzlich lautstark verlangte auch aufs Töpfchen zu gehen. Da musste nun doch die Mutter selbst mit dem Buben ins Badezimmer gehen. Ich saß währenddessen – immer noch nervös, was sich jetzt wohl in unserem Badezimmer abspielte – mit meiner Tochter im Wohnzimmer, ich auf der Couch, sie daneben auf unserem kleineren Töpchen.

Letztendlich war es bei dem Buben nur ein „Fehlalarm“ und unser Töpchen blieb sauber.

Ich überlege in Zukunft Fragebögen vorab an Besucher auszuhändigen, in denen der aktuelle eigene Gesundheitszustand, jener ihres Nachwuchses und die Topferlbesuchsfrequenz vermerkt werden müssen. Mein Mann meint allerdings, dass dies den sozialen Kontakten unserer Tochter abträglich sein könnte. Ich bin noch dabei abzuwägen:

Keime oder keine … Freunde, das ist hier die Frage!