Ein Kleinkind morgens pünktlich für den Kindergarten fertig zu machen (im Sinne von mit Frühstück versorgen, Zähne putzen, auf’s Clo schicken, kämmen, anziehen – also mehr anziehen als nur die Unterhose und eine Socke, wirklich alles anziehen, was notwendig ist, inklusive Jacke, Haube und Schuhen) kann an manchen Tagen eine wirkliche Herausforderung sein.

Wenn die Jüngere dann in der Nacht plötzlich ihren seligen Babyschlaf aufgibt und beschließt alle 2 Stunden die Mama zu wecken, und die Ältere es sehr lustig findet, morgens vor dem Wegfahren halbnackt durch die Wohnung zu laufen, weil nachlaufen und verstecken spielen nunmal mehr Spaß machen als sich einfach nur anzuziehen, dann müssen Tricks her, um es auch irgendwann in die Garderobe bis zu den Schuhen zu schaffen. Schließlich gilt: Mamas Schlafdefizit ist negativ, ihre Geduld positiv korreliert mit den Nachlaufkräften am Morgen.

Erstaunlicherweise gibt es für unsere zweieinhalbjährige E unmittelbar vor dem Aufbruch zum Kindergarten immens viel zu tun im Wohnzimmer.  Die plötzlichen Anfälle von Kreativität („ich male noch schnell ein Bild für Z“ – wie lieb, so eine fürsorgliche große Schwester! -, „ich bastle noch schnell etwas für Weihnachten“, „ich lese noch ein Buch“) will man schließlich nicht unterdrücken. Kreativität ist wichtig. Die Zeichnungen und Bastelarbeiten sind wertvolle Übungsschritte auf dem Weg zu den Werken einer späteren Architektin, die Farbwahl ein Vorbote des Lebens als Künstlerin, die stets neuen Ausflüchte womöglich eine wunderbare Vorbereitung auf die Politkarierre. Wer weiß, wozu es dieses Kind noch einmal bringen wird!

Das Lesen darf man als verantwortungsbewußter Elternteil [welch interessantes Wort – nur zu zweit sind wir ein Ganzes] sowieso niemals verbieten.  Education 101.

Wobei das „Lesen“ der Zweieinhalbjährigen ja bislang noch im Bilderansehen und sich selbst Teile des Textes auswendig vorsagen besteht. Aber dennoch, Bücher dürfen um Himmels willen nicht mit schlechten Erinnerungen verbunden werden, gehören sie doch zu den grundlegenden Bausteinen einer guten schulischen Karriere.

O.K., die Bilder und Bastelarbeiten sind dann zwar meistens nur mit sehr, sehr viel Fantasie als frühe Meisterwerke bzw. überhaupt als irgendetwas anderes als buntes Gekritzel und Klebebandungetüme auf zerissenem Papier zu erkennen, aber wenigstens kann mir später niemand vorhalten – insbesondere mein eigenes  Gewissen nicht – dass ich unsere Erstgeborene nicht ausreichend unterstützt hätte im Ausleben ihrer schöpferischen Fähigkeiten.

Alles gut und schön.Die Schuhe müssen angezogen werden. Also kommen die Tricks zur Anwendung.

Psychologische Höchstleistungen des übermüdeten Muttergehirns, das ohnedies durch Stilldemenz und das Weinen der Kleinen im Hintergrund, die endlich in Ruhe trinken und schlafen will,  nur auf Notbetrieb läuft in Bezug auf logische, rationale Entscheidungen und Geistesblitze.

Es gibt den Wir-laufen-um-die-Wette-ins Vorzimmer-Trick: Mit einem enthusiastischen „Auf die Plätze, Feuerwehr [sic], los!“ bekommt man unsere Größere momentan fast immer dazu, einfach einmal loszulaufen. Nur dumm, wenn sie dann auch auf die Idee kommt, das Wettrennen auch wieder zurück ins Wohnzimmer fortzusetzen.

Dann gibt es den Ich-trage-unsere-Große-wie-ein-Baby-zu-den-Schuhen-Trick: Seit sie eine kleine Schwester hat, hat auch die Regression voll zugeschlagen und es wechseln die „Ich bin groß und Z ist noch ganz klein“-Phasen mit den „Ich bin auch noch ein Baby!“-Phasen oft im Minutentakt ab.

Manchmal hilft auch der „Wir-zeigen-Z-wie-man-sich-Schuhe-anzieht-Trick“ und ab und zu geht es auch einfach mit dem „Wir-gehen-jetzt-die-Schuhe-aussuchen-Trick„: In einem der vielen, unendlich vielen Elternratgebern las ich einmal, dass es gerade in der Trotzphase hilft, kleine Entscheidungen einfach dem Kind zu überlassen. Bei eingeschränkten Möglichkeiten (bloß nicht mehr als 2 Optionen, sonst ist das Kind überfordert – wie mich der psychologische Text lehrte) darf das Kind, welches anfängt alles selbst bestimmen zu wollen, eine Entscheidung treffen, die aus Sicht des Erwachsenen eigentlich irrelevant ist. Also nicht „Möchtest du Schuhe anziehen?“ Da klingt das trotzige „Nein!“ ja schon von selbst mit. Und nicht „Welche (der vielen Schuhe, die du bereits im Kindergartenalter besitzt) möchtest du heute anziehen?“ Das könnte dazu führen, dass das Kind im Winter die Sandalen auswählt. Nein, die Frage muss in etwa so lauten: „Möchtest du heute die violetten oder die grünen Schuhe anziehen?“ Das klappt bei uns fast immer ganz gut, obwohl unsere E dann auch manchmal das Konzept und meine kleinen Erfolge zu durchbrechen sucht und meint, sie könnte aber auch die roten nehmen, die noch im Regal stehen. Das bekomme ich aber meistens mit einem etwas strengerem „Nein, du kannst entweder die violetten oder die grünen anziehen. Für die roten ist es zu kalt/nass/was auch immer“.

So weit so gut. Neulich verwendete ich eine leichte Abwandlung meines Schuhauswahltricks und meinte, auf rasche Zustimmung hoffend:

„Waren die violetten Schuhe gestern bequem?“

E: „Ja.“

Ich: „Dann können wir sie heute noch einmal anziehen.“

Stimme meines Mannes aus dem Hintergrund: „Das mache ich mit meinen Unterhosen auch immer so!“

Und während ich sein verschmitztes Lächeln sehe – ich habe den Mann ja natürlich auch wegen seines Humors geheiratet – danke ich händeringend dafür, dass ich zwei Mädchen zur Welt gebracht habe.

Noch einen Mann mit so einem Humor könnte ich nicht ertragen!