Schlagwort: Freunde

Eher friert die Hölle zu …

Die Theorie

Als Eltern, insbesondere bevor das Kind auf der Welt ist, kann man sich eine ganze Menge Gedanken darüber machen, nach welchen Prinzipien man erziehen will, welche Wertvorstellungen man weitergeben möchte und was es auf gar keinen Fall in der eigenen Familie geben wird – absolute No-Gos wie Essen beim Fernsehen, Süßigkeiten vor der Hauptspeise oder Opfer von Prinzessinnen/Kitten-Merchandising zu werden: Eher wird die Hölle zufrieren als dass wir uns zum Beispiel der Frozen-Mania hingeben!

Die Praxis

Als Eltern, insbesondere wenn das Kind dann auf der Welt ist und anfängt in zwischenmenschlichen Kontakt mit außerfamiliären Mitgliedern der Gesellschaft zu treten (Spielplatz, Kindergarten, Geburtstagsfeiern von Freunden, beim Einkaufen mit den Eltern) kann man sich eine ganze Menge Gedanken darüber machen, was mit den Prinzipien eigentlich passierte, die man alle einhalten wollte, welche der Wertvorstellungen noch zu retten sind, die man weiterzugeben gedachte und warum es in der Familie so viele Oh-Nos! gibt, die man auf jeden Fall vermeiden wollte.

Diese ganzen Hypes, die durch Filme, Serien und jede Menge Merchandising schon bei den Jüngsten zu Peer-Pressure führen, sind mir ein Dorn im Auge, den wir bisher ganz wunderbar übersehen konnten. Dann aber passierte Folgendes:

Die beste Freundin im Kindergarten ist ein großer Fan von Elsa und Anna und brachte den Hype ganz subtil zu uns nach Hause. Elsa und Anna hier, Elsa und Anna dort. Um der Tochter eine Freude zu machen, kaufte ich ihr Schuhe mit den beiden Disney-Prinzessinnen drauf und dachte, die Sache wäre damit geregelt. Doch weit gefehlt: Aus unserem frozen-freien Heim wurde plötzlich des Disney-Dramas Nebenschauplatz.

Es gibt stundenlanges Drama um Dinge, die gar nicht da sind! Wie ein Elsakostüm zum Verkleiden (das aber die Freundin hat) oder eine Elsatasche (die die Freundin hat) oder Schmuck mit Elsaemblem (die natürlich die … ihr wisst schon). Das eigene Kind, das noch nie Frozen gesehen hat, mag nur noch Dinge, auf denen unterkühlt lächelnde Prinzessinnen abgebildet sind! Und damit nicht genug:

E’s ganze Weltsicht dreht sich nur noch um die zwei fiktiven Mädchen:

  1. Sachen, auf denen nicht Elsa und Anna drauf sind, sind langweilig
  2. Was Kindern wirklich Freude bereitet, sind Sachen von Elsa und Anna, weil  … siehe 1.

Auf meine Frage, warum sie plötzlich unbedingt diese Elsa und Anna Sachen möchte, erklärte sie mir, dass es eben nicht genug ist, nur eine Sache (ein Paar Schuhe) von Elsa und Anna zu haben. Meine Strategie „Angriff ist die beste Verteidigung“ respektive „Mit einem Geschenk wäre die Nachfrage gesättigt“ ist leider nicht nur nicht auf-, sondern wirklich voll daneben gegangen!¹

Glühend vor Zorn überlege ich jetzt, ob ich Frozen tatsächlich in einer Sneak-(Post)View anschauen muss (immerhin kennt den Film vermutlich schon jede Mutter kleiner Töchter und die Töchter sowieso in und auswendig), damit auch wir eine Ahnung davon haben, worum es geht und was daran so toll sein soll.

*geschrieben von meinem Smartphone während ich die DVD-Regale im Spielzeugladen durchsehe*

spurenimschnee
An manchen Dingen scheint kein Weg vorbei zu führen. Gehört Frozen dazu?

¹Herausgeschnittene Szene / Deleted Scene

M. Mama: „Papa wollte gar nicht, dass ich die Schuhe kaufen, aber ich wollte dir eine Freude machen …“

Die 4-jährige E ganz ernst (entrüstet statt dankbar): „Wenn dir der Papa verboten hat, die Schuhe zu kaufen, dann darfst du sie nicht kaufen!“

Hätte ich doch nur auf meinen Mann gehört oder auf meine Tochter!

 

 

Unser Harvey

In meinem Tagesablauf gibt es ein paar Fixpunkte: Aufstehen, frühstücken, Mittagessen einnehmen (oder etwas diesem Ähnliches im Büro), Abendessen mit der Familie,  Kinder schlafen legen und davor, dazwischen oder danach irgendwann Blogs lesen. Ein gewisses Sammelsurium von Zeilenende(n) gehört zum Beispiel dazu. Tatsächlich sind die Freitagsrezepte dort vermutlich die einzigen, die ich freiwillig lese. Zu Hause wird ja mehr auf gut Glück gekocht, wobei das Glück vor allem darin besteht, ob es dem Nachwuchs auch dann noch schmeckt, wenn es sich nicht um Nudeln, Knödeln oder Kartoffeln handelt.

Neulich schrieb das werte Zeilenende über imaginäre Freunde. Die Sache mit den Rollenspielen wird für mich wohl immer eine fremde Welt bleiben, nicht jedoch das Leben mit einem Charakter, den man zwar meist nur vor seinem inneren Auge sehen kann und niemals wird persönlich (und vor allem physisch in der Realität) treffen, der aber zum ständigen Begleiter im Alltag geworden ist, fast wie ein Familienmitglied.

Ich habe schon seit einiger Zeit überlegt, ob ich euch unseren – nennen wir ihn der Einfachheit halber – Harvey einmal vorstellen soll. Nun kam es zu einer schicksalhaften Wendung in unserem halbimaginierten Zusammenleben, die mich dazu veranlasste, diesen Artikel endlich zu schreiben.

Who de facto is Harvey?

Vor etwa zwei Jahren trat er in unser Leben, als Sohn meiner größeren Tochter (die bekanntlich mittlerweile schon 4 wird). Keine Sorge, es ging alles mit rechten Dingen zu. Er war ein Findelkind.

Sie entdeckte ihn in einem Buch. Seine Mutter heißt zufällig genauso wie sie und – voilá! – mein Mann und ich wurden imaginäre Großeltern.

Harvey hat in seinem jungen Alter aber schon so manches erlebt, wozu andere ein halbes bis ganzes Leben brauchen: Was auch immer wir tun, getan haben oder jemals tun werden, Harvey hat es bereits auch getan.

Er dürfte auf allen Kontinenten zu Hause sein, hat mit mir, meinem Mann und wohl auch schon unseren Eltern gemeinsam die Schulbank gedrückt und scheffelt offenbar Geld wie Heu. Denn alles, was man sich als 4-Jährige so wünschen kann, besitzt er schon oder kauft es sich einfach. Eigentlich ideal für uns Eltern: Wir müssen ihm weder Kleidung noch Spielsachen noch sonst etwas kaufen, weil er ja – genau! – alles schon besitzt, was käuflich in Kindermodengeschäften und Spielzeugläden zu erwerben ist.

Harvey ist also der Wunderwuzi, von dem alle träumen, insbesondere unsere E. Sie kann stundenlang Geschichten von ihm erzählen. Ich wurde sogar schon im Kindergarten auf meinen Paten/Stief(?)sohn angesprochen.

Ja, die Fantasie ist ein mächtiges Ding. Wobei sie so gar nicht dingmäßig ist, sondern völlig unangreifbar, erhaben über alle physischen Einschränkungen und losgelöst von jeglichen physikalischen Gesetzen, sowie den Konzepten von Zeit, Raum und Kausalität.

Die Wendung,

die unser Leben mit Harvey kürzlich nahm, sah folgendermaßen aus:

Bisher sprach unsere E sehr gerne und oft von ihrem Bruder/Freund/Sohn/was-auch-immer-Harvey. Mit der Zeit bekam er sogar eine (mal) große/(mal) kleine Schwester, die zufällig genau so heißt wie E’s kleine Schwester, unsere Z. Und siehe da, in dem Buch ließ sich auch ein Bild finden, auf dem er mit einem Mädchen spielt, das dann selbstverständlich nur seine Schwester Z sein kann.

Und jetzt kommt es:

Z zeigte mir neulich das Buch, deutete erst auf Harvey, sagte erfreut „Harvey“ und dann auf das Mädchen und rief entzückt: „Ich!“. Dem Bild des Mädchens gab sie gleich noch ein Bussi, denn sich selbst hat man ja gewöhnlich recht lieb. Doch damit nicht genug: Danach erzählte sie mir noch, dass sie mit Harvey telefoniert hätte, so wie es die große Schwester eben gerne macht, und demonstrierte es auch gleich an ihrem Kindertelefon.

„Harvey? Hallo! Ich zu Hause!“

Damit ist Harvey nun also wirklich zu einem vollwertigen Familienmitglied geworden – für die ganze Familie. Für E ist er ein ganz wichtiger Teil ihrer Fantasie, für uns Eltern derjenige, für den wir womöglich eines Tages doch noch Geschenke kaufen müssen, denn die Planung seiner Geburtstagsfeier scheint in vollem Gange und würde er nicht ständig seinen Wohnsitz wechseln, könnten wir ihn vielleicht sogar anläßlich seiner Party einmal  besuchen, und für Z ist er offenbar eine Selbstverständlichkeit!

wanderschaft
Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, manchmal geht sie sogar auf Wanderschaft

 

 

Versprochen ist versprochen?

Neulich postete wortgeflumselkritzelkram ein selbstgemaltes Bild auf ihrem Blog.

wortgeflumselkritzelkram

Ich war tief beeindruckt. Das Bild strahlt Wärme aus und hat doch etwas von Traurigkeit – in meinen Augen zumindest. Für mich war beim ersten Anblick klar, dass dieses Bild eine ganze Geschichte erzählt. Nur welche?

Großmundig kündigte ich an, sie zu finden und aufzuschreiben – das ist die Quintessenz. Im Detail las es sich so:

wgflkrkr-kommentar

Nachsinnend fuhr ich in die Arbeit. Dort angekommen hatte ich noch immer keine zündende Idee gehabt, die aber schon irgendwo zu schlummern schien. Gut, in der Arbeit hätte ich mit meiner Eingebung ohnedies nichts anfangen können (als darunter zu leiden, dass ich sie nicht sofort aufschreiben durfte), aber bis Weihnachten war nicht mehr lang hin. Und eine Weihnachtsgeschichte muss doch wohl vor Weihnachten erzählt werden, oder?

Hatte ich den Mund wieder einmal zu voll genommen, das Kommentar zu leichtfertig in die Tasten getippt?

Irgendwann auf der Heimfahrt dämmerte mir dann, mit wem das Mädchen in meiner Gedankenwelt durch die Stadt spaziert. Ohne Titel ging ich daran, mein Versprechen einzulösen:

Das erste Versprechen

Beinahe 10 Monate hatte sie die Ankunft herbeigesehnt. Dann war es endlich da. Als sie das Neubgeborene zum ersten Mal in Händen hielt, war sie überwältigt von Gefühlen. Für dieses kleine Wunder war sie nun verantwortlich. Und sie wollte es auch sein. Mit ganzem Herzen und all ihren Fähigkeiten würde sie für das Wohlergehen ihrer Tochter sorgen. Sie freute sich darauf, diesen kleinen Menschen heranwachsen zu sehen.

Noch im Krankenhaus gab sie dem Baby ein Versprechen.

Ich werde für dich da sein, wann immer du mich brauchst

flüsterte sie dem, in ihrem Arm schlafenden Mädchen zärtlich ins Ohr. Das Baby schmatzte und kuschelte sich noch fester in ihre Armbeuge.

Aus dem  Baby wurde ein Kind. Ein Kind, das gerne laut lachte, manchmal Schabernack trieb und Bücher liebte. Eines Tages entdeckte das Mädchen ein Buch über eine Frau, die genau so hieß wie es selbst. Diese Frau hatte einen Sohn namens Timo.

Das Mädchen las die Geschichte wieder und wieder und Timo wurde zu einem Teil ihres Alltags. Er war schon überall gewesen, wo sie gerne hin wollte, aber ihre Mutter mit ihr nicht hinfahren konnte, weil sie schon wieder Kopfschmerzen hatte. Timo bekam all das, was sie sich wünschte, ihr aber nicht gegeben wurde. Das,  was sie hatte, teile sie mit Timo. Freudestrahlend erzählte sie ihrer Mutter von Timo. Timo dies, Timo jenes, Timo, Timo, Timo. Er tröstete sie, wenn sie Streit mit ihrer Mutter gehabt hatte und er machte ihr Mut, wenn sie alleine in ihrem Zimmer saß, weil die Mutter Ruhe haben wollte. Er war ihr bester Freund, er war wie ein Bruder und oft ein Teil von ihr.

Eines Tages nahm die Mutter die Kleine mit in die Stadt. Ganz langsam gingen sie durch die Straßen. Statt von Geschäft zu Geschäft zu hetzen, spazierten sie einfach dahin. Die Mutter schwieg die ganze Zeit über. Nur ab und zu legte sie ihre Hand auf die Schulter des Mädchens und lächelte. Aber das Lächeln war nicht voller Freude, sondern traurig, beinahe schmerzend.

Als sie wieder nach Hause kamen, kochte die Mutter Kakao, dann setzten sie sich beide an den Tisch und tranken aus ihren Tassen. Leise sagte die Mutter:

Der Wettlauf mit dem Leben geht in die Zielgerade. Die Zeit ist um, aber die Läuferin ist erschöpft und müde, aber das Ziel ist unendlich weit weg.

Dann stand sie auf und ließ das Mädchen alleine in der Küche sitzen.

Diese Weihnachten gab es kein Fest. Der Baum stand geschmückt in Omas Wohnzimmer, doch niemand sah ihn an. Die Mutter fehlte. Sie fehlte allen, auch Oma, aber dem Mädchen fehlte sie am meisten. Diese Weihnachten gab es keine Geschenke, es gab nur Leere in den Herzen, eine fast unerträgliche Stille und das große Verlangen, die Mutter wiederzusehen.

Diese Sehnsucht würde für immer unerfüllt bleiben.

Nach dem Essen zog sich das Mädchen seinen Mantel an und ging hinaus. Sie wollte fort, um ihren Erinnerungen zu entfliehen.

Es war eine ruhige Nacht. Kaum eine Menschenseele war auf der Straße. In den Fenstern sah man den Schein der Kerzen an den festlich erleuchteten Christbäumen, hörte gelegentlich sogar Gesang aus dem einen oder anderen Fenster ins Freie dringen.

Es war eine einsame Nacht. Die Straßen glänzten und das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich warm und hell. Das Mädchen ging langsam zwischen den Häuserzeilen hindurch.

Plötzlich spürte sie, wie jemand ihre Hand ergriff. Sie erschrak und drehte sich mit einem leisen Schrei um.  Als sie sah, wer vor ihr stand, huschte zum ersten Mal seit langem ein Lächeln über ihre Lippen:  „Timo?“ flüsterte sie. Er nickte und drückte ihre Hand noch fester. Ihre kalten Finger schmerzten beinahe.

Timo! Da bist du ja! Komm lass uns spazierengehen!“ rief sie aufgeregt und voller Tatendrang, als hätte sie nur auf ihn gewartet, um wieder zum Leben zu erwachen. Eine Frau,weiter vorne schaute zu ihnen herüber. Als sie an ihr vorbei gingen, fragte die fremde Frau: „Ist mir dir alles in Ordnung, Kind?“ und sah besorgt drein. Das Mädchen nickte stumm und zog Timo rasch weiter.

Die beiden kicherten. „Glaubst du an Schutzengel?“ fragte Timo. Das Mädchen überlegte eine ganze Weile dann meinte sie:

Ich glaube Engel gibt es nur in Geschichten. Ich brauche keinen Schutzengel, ich habe ja dich

Sie hielt seine Hand ganz fest. So gingen sie am Weihnachtsabend händehaltend weiter durch die leeren Straßen der Stadt, denselben Weg, den das Mädchen einst mit ihrer Mutter gegangen war.

Klitzekleine Schritte in die richtige Richtung

E liebt Bücher. Derzeit lesen wir manchmal eine Geschichte über einen Marienkäfer, der traurig ist, weil er immer alleine spielen muss. Er macht sich auf die Suche nach Freunden und wird – wenig überraschend für die Story eines Bilderbuches – schließlich fündig: Ein zweiter Marienkäfer taucht auf, die beiden werden Freunde und spielen von da an immer miteinander. Happy End.

Im Kindergarten, in den meine Töchter gehen, wurden auch Plätze für Flüchtlingskinder geschaffen. So gibt es bei E seit September ein kleines syrisches Mädchen namens M in der Gruppe. E erzählt gelegentlich von ihr, allerdings betont sie stets, dass M keine Freunde habe. Und – das trifft mich dann noch mehr – dass auch sie nicht mit M spielen wolle. Nun ist es so, dass E mittlerweile einige sehr gute Freundinnen im Kindergarten hat, und diese Mädchenclique will  am liebsten unter sich bleiben.

Als wir wieder einmal die Marienkäfer Geschichte gelesen hatten und die Sprache auf M kam, erklärte ich meiner Tochter, dass sich M vermutlich auch Freunde wünscht und sehr traurig ist, wenn niemand mit ihr spielen möchte.

Danach sprach E lange nicht mehr über M. Bis gestern. Auf dem Weg in den Kindergarten fing E plötzlich an zu erzählen:

Gestern ist etwas geschehen.“

Wenn eine 3-jährige ihre Erzählung so einleitet, spitze ich natürlich die Ohren. E fuhr fort:

Ich habe M gestern gesagt, dass ich nie wieder schlimm bin zu ihr, und dass ich jetzt ihre Freundin bin und sie beschützen werde.“

Meine Tochter ist zwar nicht immer das bravste Kind im Kindergarten, aber sie hat ein gutes Herz und dafür liebe ich sie ganz besonders.

Und Integration fängt im Kopf an. Schon klitzekleine Schritte in die richtige Richtung können vielleicht etwas bewirken. Ich bin jedenfalls gespannt wie die Geschichte weitergeht.