Ein Liebster der anderen Art

In Tierethik steckt viel mehr drin als man auf den ersten Blick vermutet: Heiterkeit geht sich nicht ganz aus (nur die Heiterkit), für die Freiheit fehlt das F und es bleiben zwei Buchstaben übrig. Das ostösterreichische „k Tierheit“ könnte man bilden (ausgesprochen ka Tierheit, also keine Tierheit), aber das wäre dann doch viel zu traurig und die Tierethik soll ja ein Stück weit dazu beitragen, dass uns die Tierwelt erhalten bleibt.

Schon der letzte Satz zeigt, worum es bei ethischen Überlegungen oft geht: Ist es wichtig, dass wir auch weiterhin Tiere haben auf der Erde? Wir, die Menschen? Sollte es nicht vielmehr um die Tiere selbst gehen? Tiere als Nutzbringer, Gesellschafter, Accessoire für die Menschheit?

Die liebe Gerda hat auf den (hoffentlich nur vorübergehend pausierenden?) Tierethik-Blog von Nadja reagiert und anlässlich der Begegnung mit einem jungen Zicklein einige Frage aufgeworfen und beschlossen, kein Fleisch mehr zu essen! – was ich gleich vorweg gesagt, ganz wunderbar finde.

Interessanterweise sind es ja oft die Begegnungen mit Einzelschicksalen, die zum Umdenken bewegen. In Deutschland alleine werden pro Jahr 750 Millionen Tiere geschlachtet. In Österreich waren es letztes Jahr über 6 Mio Tiere (davon 60.000 Kälber, mehrere tausend Lämmer, Kitze und Fohlen). Das sind nur nackte Zahlen. Die treffen nicht so ins Herz, wie der Blick der einzelnen geschundenen Kreatur.

Beim Kommentieren ihres Beitrages kamen mir so viele Gedanken, dass ich beschloss, diesen Liebster der anderen Art zu schreiben:

Kurz zum Titel „der anderen Art“

Menschen gehören zur Tierart der Säugetiere. Biologisch gesehen. Alles darüber hinaus wird gerne und viel diskutiert. Wir gehören also zu einer anderen Art als zum Beispiel Spinnen, Insekten oder Fische. Sind wir deshalb wertvoller? Ich würde sagen, in erster Linie sind wir anders.

Jetzt zu den Fragen, die Gerda stellte (und meine persönlichen Antworten darauf)

1) Die Grundsatzfrage nach der Stellung des Menschen: Ist er der Herr der Tiere oder ein Lebewesen unter anderen?

Nein, er ist es nicht, er macht sich nur dazu.

2) Wenn er der Herr ist, welche Verpflichtungen und Rechte erwachsen ihm daraus? 

Die Verpflichtung, die Tiere anständig zu versorgen. Das Recht, sein Tier vor Schaden durch andere zu schützen?

Besitzansprüche an andere Lebewesen sind eigentlich sehr vermessen. Man wird aber in eine Gesellschaft hineingeboren, die es als normal ansieht, dass man Dinge kaufen kann und dadurch besitzt. Tiere kann man kaufen (weil es sich so eingebürgert hat), also besitzt man sie auch.

Moralisch ist es meiner Ansicht nach nicht zu rechtfertigen.

Auch nicht bei Haustieren (und ich habe selbst „Wohnungskatzen“!)

Jedes Tier (inkl. Mensch) hat sein eigenes Leben und sollte darüber nur selbst bestimmen dürfen. Dass Raubtiere andere Tiere jagen, dass getötet wird, um zu essen, ist meiner Ansicht nach kein moralischer Widerspruch, sondern eine biologische Gegebenheit. Wichtig ist dabei aber, wie der Jäger mit dem Gejagten umgeht. Welches Leben das Beutetiere vor seinem traurigen Schicksal führen durfte. Unter welchen Bedingungen es stirbt.

Gatterjagd? Abscheulich!

(Ständige) Käfighaltung? Völlig unnatürlich!

Stierkampf? Barbarisch und verachtenswert!

3) Wenn er nur ein Lebewesen von vielen ist – welchen Lebensraum darf er, soll er für sich beanspruchen?

Nur so viel, dass er anderen nicht nachhaltig schadet.

Den Lebensraum anderer Lebewesen so einzuschränken, dass sie ein Leben lang (oder großteils) keine Bewegungsfreiheit haben ist Folter der unerträglichsten Art. Hühner, Gänse, Bären, „Pelz“tiere in zu kleinen Käfigen eingepfercht, Hunde und Affen, die an der Kette hängen, Mutterschweine, die sich nicht einmal umdrehen können. Ich würde das nicht einmal einen Tag lang aushalten ohne verrückt zu werden!

An dieser Stelle darf ich auf Kant verweisen:  „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Da bedarf es gar keiner philosophischen Diskussionen, es genügt die Empathie zu der viele Tiere fähig sind, nicht nur wir Menschen, um zu erkennnen, dass hier ganz großes Leid geschieht – und das unter dem Deckmantel des Gesetzes!

4) Soll er alles menschliche Leben erhalten, auch wenn das bedeutet, dass das tierische Leben verdrängt und vernichtet wird?

Nein. Definitiv nein.

Natürlich hat man einen Selbsterhaltungstrieb, aber gerade der Mensch, der sich auch als vernunftbegabt betrachtet, kann Überlegungen anstellen, welches Verhalten auf Dauer einer Koexistenz (ich vermeide den Begriff „friedliches Zusammenleben“) zuträglich ist.

Ausrottung anderer Arten basiert doch entweder aus Unwissenheit über größere Zusammenhänge oder aufgrund eines völlig egozentrischen Weltbildes, in dessen Mittelpunkt nur die eigene möglichst rasche Bedürfnisbefriedigung steht – und dann ist da noch die Gier, zum Beispiel: Elfenbein bringt Geld. Viel Elfenbein bringt noch mehr Geld.

5) Haben dem Menschen verwandte Tiere ein höheres Lebensrecht als die unverwandten?

Vermutlich nicht. Aber wir können ihre Lebensformen (in Familienverbänden oder auch als Einzelgänger) und Emotionen vielleicht besser nachvollziehen. Daher ist es leichter empathisch zu sein mit Affen als mit Ameisen.

6) Gibt es böse und gute Tiere, schädliche und nützliche, schützenswerte und überflüssige, unabhängig von menschlichen Erwägungen?

Also, wer meine Katzen dazu befragen würde, bekäme wahrscheinlich so einiges über böse und überflüssige Tiere (Hunde im allgemeinen, streunende Katzen in unserem Garten) zu hören. Aber das ist schon wieder so ein Anthropomorphismus.

Meiner Ansicht nach ist das nur eine Frage der Perspektive, wobei ich gut und böse vom individuellen Charakter abhängig machen würde. Ich glaube es gibt überall (oder zumindest bei fast allen Arten) solche Individuen, die sich im Bedürfnis nach Harmonie bzw. in ihrer Streitsucht unterscheiden. Wenn man das dann als gut und böse bezeichnen will.

Gut und böse würde ich jedenfalls nicht anwenden, wenn es um die Unterscheidung Raub-und Beutetier geht, sofern das raubende/jagende Tier natürlich handelt und sich zur Erreichung seines Zieles keiner unfairen Hilfsmittel (Autos und Maschinengewehre bei der Elefantenjagd, Zucht-und Fleischindustrie bei den sogenannten Nutztieren) bedient.

Schädlich und nützlich ist ganz besonders eine Frage der Perspektive: Für den Gärtner sind die Wühlmäuse schädlich, für die Wühlmaus ist der Gärtner aber nützlich, solange er nicht Jagd auf die Wühlmaus macht. Nur weil jemand nicht zu dem Ziel beiträgt, das wir gerade haben, ist er deshalb noch nicht per se als Schädling zu betrachten.

7) Haben sie alle dasselbe Recht auf Leben, weil „Gott sie geschaffen hat“ ?

Prinzipiell ja, wobei für mich nicht die dezidierte Begründung wäre, „weil Gott sie geschaffen“ hat, womit ich zur nächsten Frage komme:

8) Oder warum sonst?

Weil wir Menschen nicht darüber zu urteilen haben, wer ein Recht auf Leben hat oder nicht. Kein Mensch hat das moralische Recht über das Leben eines anderen zu bestimmen, weil das Leben etwas Einzigartiges ist, das der Mensch nicht einfach geben kann. Daher soll er es auch nicht wegnehmen.

Das Recht auf Leben sollte unantastbar sein. Unfälle passieren. Fressen und gefressen werden passiert, damit Leben möglich ist. Aber systematische Ausbeutung, Quälereien aus Profitgier und Neugierde sind Eingriffe in das Fundamentalste, das ein Lebewesen hat: sein Leben.

9) Persönlichen Überzeugungen: Was halte ich für gut und richtig, was für abscheulich, auch wenn es strafrechtlich zulässig und gesellschaftlich toleriert ist? 

Tierqual darf nicht normalisiert werden.

Nur weil etwas so üblich ist, ist es nicht unbedingt gut und gerechtfertigt. Die Rechte, an die sich die menschliche Gesellschaft halten soll, werden von Menschen gemacht. Sie sind also mehr als nur biased und daher immer zu hinterfragen, wenn sie das grundlegende Recht auf Unversehrtheit eines Lebewesens gefährden.


So, das war es für heute von meiner Seite.

Vielleicht möchte sich der eine oder andere auch diesen Fragen stellen oder meine Ansichten kommentieren. Zu radikal, nicht radikal genug (über vegan leben schreibe ich ein anderes Mal separat), zu einseitig argumentiert oder zu viele Argumente durcheinander gewürfelt? Ich bin gespannt auf eure Meinung.

 

9 Gedanken zu “Ein Liebster der anderen Art

    1. Auf der praktischen Ebene erschlage ich auch die blutsaugende Mücke und möchte gar nicht wissen, wie viele andere Insekten ich mit dem Auto schon auf dem Gewissen habe. Beim Konsum von Gütern aber bin ich zumindest bemüht, nach meinen Wertvorstellungen zu handeln, wobei es einem die Konzerne, der gesellschaftliche Konsens und die eigene Bequemlichkeit wahrlich nicht leicht machen.
      Welche Widersprüche siehst du (z.B. auf der biologischen Ebene)? Das würde mich sehr interessieren!

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      1. Das war mein Kommentar bei Gerda.
        Deine Auflistung der 4 Ebenen finde ich sehr komplett und interessant. Ich selbst habe allerdings diesbezüglich keine Antworten, nur weitere Fragen
        Eine kleine Ziege empfinden wir als süß und herzig, einen Nacktmul als abgründig häßlich. Beides sind Säugetiere, also eng mit uns verwandt. Darf man deswegen die einen mit mehr Recht essen als die anderen ? Ist das Kindchenschema ethisch oder instinktgesteuert ? Ist ein Instinkt unbedingt ethisch ?
        Du liebst Hunde – insbesondere deinen eigenen – andere Menschen mögen keine Hunde (ohne ihnen irgendetwas anzutun) sollen aber gut finden, dass sie von deinem Hund vielleicht abgeschleckt oder sonstwie belästigt werden.
        Unumstößlich ist wohl, dass es in der Natur von fleischfressenden Tieren liegt, andere Tiere oder auch Menschen zu fressen. Das kann man nicht als „böse“ bezeichnen. Der Mensch ist als Allesfresser angelegt. Ist es nun böse Fleisch zu essen ?
        Auch Pflanzen sind Lebewesen nur nicht so eng mit uns verwandt wie Tiere. Irgendetwas muss man essen, also Pflanzen. Aber, wenn es nicht auf die nahe Verwandtschaft ankommt, sondern auf den Status als Lebewesen, darf man dann überhaupt irgendetwas essen ?
        Fleisch zu essen oder nicht ist ein absolutes Luxusthema, 3/4 der Menschheit sind froh, wenn sie was auch immer zu essen bekommen.
        Der natürliche Lebenskreislauf zu dem der Mensch gehört, beinhaltet, dass neues Leben entsteht und altes Leben stirbt und das Lebende durch das Tote ernährt wird. Ebenso im Pflanzen- wie im Tierreich. Ist das aus diesem Kreislauf Heraustreten des Menschen ein Fortschritt oder eine Dekadenzerscheinung ?
        Eine meiner wenigen Gewissheiten zu diesem Thema ist, dass die industrielle Tierhaltung eine außerordentlich negative Entwicklung ist, hauptsächlich für die Tiere, aber auch für die Fleischesser. Und ganz unpassend finde ich den Vegano-Faschismus dem manche Menschen anhängen.
        Herzliche Grüße aus der Hitze in die Hitze

        Ich sehe gerade, dass ich mich um das Thema Leidensfähigkeit herumgedrückt habe…..

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  1. Liebe nenn-mich-Mama, welch eine tolle Überraschung, deinen „Liebster Award der anderen Art“ heute morgen zu finden. Die Auffächerung meiner angedeuteten Fragen in echte Fragen und Antworten ist dir sehr gut gelungen. Zu den einzelnen Punkten möchte ich mich jetzt nicht äußern, denn ich habe dies Thema auf den Mittwoch eingeschränkt (nächsten Mittwoch werde ich also wieder versuchen zusammenzufassen, was sich in der Woche zum Thema „Mensch und Tier“ getan hat). Ich fände es übrigens schön, wenn du diesen Liebsten-Award unter die Leute bringst, indem du ein paar MitgloggerInnen benennst,von denen du annehmen kannst, dass sie an dem Thema interessiert sind. Du findest sie unter den Kommentaren bei mir, Agnes Podsceck, Ulli Gau, Nadia Baumgart, Sandra Mateotti und viele andere.

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