Stille Post, ach du heilige Zeit (Teil 2)

Wenn wir im Auto unterwegs sind, hören wir gerne Musik – derzeit vor allem Weihnachtslieder – oder wir singen selbst. Manchmal erzählen wir uns auch gegenseitig Geschichten, meine 3-jährige E und ich. Das läuft dann so ab:

E ruft :“Eine Geschichte! Eine Geschichte!“ M. Mama fängt an nachzugrübeln, welche Anekdote aus ihrem ereignisreichen Leben kleinkindgerecht genug ist, um vorgetragen zu werden oder sie lässt sich eine Fantasiegeschichte einfallen. Um diese kreative Phase der geistigen Sammlung zu überbrücken, sagt sie mitunter: „Das ist kein Satz, Schatz!“ und schon beeilt sich E, Silbe für Silbe betonend zu formulieren: „Mama, kannst du mir bitte eine Geschichte erzählen?“ (Ich weiß, ich weiß, manch einer denkt nun, ich wäre ein grammar nazi oder so – aber ich kann nur sagen, das Kind lernt auf diese Weise Satzstellung und Höflichkeit und ich gewinne Zeit, um nachzudenken.)

Neulich erzählte ich E dann folgende Begebenheit:

Roko und die Rehe

Vor vielen, vielen Jahren (als M.Mama noch young, free and single war) machte ich oft lange Spaziergänge oder Ganztageswanderungen mit meiner Schwester. An unserer Seite: eine Meute Hunde. Tatsächlich hatte sie einen größeren Hund, ich zwei kleine und in jenem Winter gesellten sich noch die zwei Huskies eines Bekannten hinzu, der vorübergehend im Ausland war.

Ich hatte die Huskies an der Leine, meine Schwester unsere drei Hunde. Was mir aus meiner Erfahrung mit einem Zwergpudel- und einem Pekinesenmix nur vom Hörensagen bekannt war, war der unbändige Drang der Huskies zu laufen. Auch meine kleinen Hunde flitzten gerne herum, aber das war in einem überschaubaren Radius und der Hund meiner Schwester war zwar ein kniehohes Modell, aber eher von der Anstrengungs-Vermeidungs-Fraktion. Eine Zeitlang scherzten wir sogar, er könnte eine Form der Schlafkrankheit haben, da er – wann immer wir eine Pause einlegten – sofort einschlief und dabei noch laut schnarchte.

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Unser „Großer“ bei seiner Lieblingsbeschäftigung auf Wanderungen: Rasten!

Wir waren also unterwegs, ich hing an der Leine der Huskies (anders kann man das nicht bezeichnen) und plötzlich tauchten in großer Entfernung Rehe am Horizont auf. Ehe ich mich’s versah, preschten die beiden Rüden los, um das Wild einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Wir hatten mit Maulkörben für die beiden experimentiert, aber die passten einfach nicht und rutschten immer herunter. Einen Hund konnte ich halten, der andere entkam mir, samt nachschleifender Leine.

Was tun?

Ich hatte Angst, um die Rehe und um den Hund (der sich in dieser Gegend gar nicht auskannte). Meine Schwester übernahm den verbliebenen Pflegehund und ich rannte los, „Roko! Roko!“ brüllend.

Einem Hund nachzulaufen ist an sich keine schlaue Idee, weil er dann erst recht dazu animiert wird, weiter zu laufen, zum anderen, man als normal sportlicher Mensch auf Dauer nur verlieren kann. Verzweifelt lief ich und lief und lief, brüllte und brüllte und … irgendwann kam Roko tatsächlich wieder zu mir zurück, zumindest in greifbare Nähe. Völlig außer Atem schnappte ich mir die Leine. Die Rehe waren längst irgendwo im Wald hinter den Feldern verschwunden und meine Schwester weit, weit hinter uns. Da erst merkte ich, wie anstrengend das alles gewesen war. Aber Adrenalin ist ein wunderbarer Motor. Dem Muskelkater harrend, aber froh, Roko wieder zu haben, wartete ich auf meine Schwester.

Happy End.

Der aufmerksame Leser wird sofort bemerkt haben, dass aus der Antiheldin („hat ihren Hund nicht unter Kontrolle!“) die Heldin des Tages wurde.

Stille Post

Was passierte nun weiter, neulich, im Auto? E hatte schweigend zugehört. Kaum verstummte ich, fing sie an, die Geschichte in eigenen Worten zu wiederholen. Das klang dann in etwa so:

Roko ist der Mama davongelaufen. Sie rannte und rannte und rannte. Und der Hund lief und lief und lief. Zum Glück stand Papa am Wegesrand und fing den Hund wieder ein. Schwupps! Und dann hat die Oma noch vier Hunde gebracht, damit der Kleine nicht so alleine ist.

???

Ach du heilige Zeit! Unser „Stille Post für Anfänger“ führt nicht nur dazu, dass mein Kind die gehörten Tatsachen völlig frei umgestaltet (um es freundlich auszudrücken), sondern macht aus der Mama einfach eine Nebenfigur in der Geschichte und der Held am Ende des Tages heißt plötzlich Papa! (der mit der Sache ja gar nichts zu tun hatte, insbesondere, da ich ihn damals noch gar nicht kannte)


 

 

5 Gedanken zu “Stille Post, ach du heilige Zeit (Teil 2)

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