Ein Brief

Liebes Christkind,

es ist schon einige Zeit her, dass ich Dir geschrieben habe. Wohl so an die 30 Jahre (oder gar mehr). Ich habe auch nie eine schriftliche Antwort von Dir bekommen. Brieffreunde werden wir auf diese Weise vermutlich eher nicht.

Du hast aber stets alle meine Briefe persönlich abgeholt – so wurde mir zumindest berichtet. Das finde ich beeindruckend, denn sehr oft werden diese Tätigkeiten nur von bedingt zuverlässigen Subunternehmern durchgeführt. Dieses DIY Abholservice ist sehr lobenswert. Persönlicher Kontakt ist aber auch ein ausgezeichneter Weg, um treue Kunden bei Laune zu halten und Neukunden zu loyalen zu machen.

Gesehen hätte ich dich zwar auch gerne einmal, aber die Spannung, nie zu wissen, wann du vorbeikommst, um die Briefe abzuholen, nur um dann aufgeregt festzustellen, dass es natürlich genau in jenem Moment der Fall war, als man selbst abwesend war, ist sicherlich ein Teil der Kundenbeziehung. Immerhin erhielt ich statt eines 0815-Antwortschreibens wenigstens immer die gewünschten Artikel.

Ja, ich muss zugeben, ich habe meine Briefe vor allem mit Bitten und Wünschen voll geladen – und nicht immer so „subtil“ und höflich, wie hier:

xmas-brief
Ach, wie konnte ich schmeicheln, wenn ich (etwas) wollte …

Bringe mir doch bitte dies …

Ich hätte so gerne jenes …

Ich wünsche mir...“

Ich möchte …“

„Ich will unbedingt ein … haben

Und zum Drüberstreuen noch einen kleinen Gefallen: „Sorge bitte auch gleich dafür, dass es meiner GANZEN Familie IMMER gut geht...“

Bescheiden war das nicht. Ich weiß. Ich habe dabei aber eben nicht nur an mich gedacht, sondern auch an alle, die mir wichtig und lieb waren. Selbstloser Egoismus sozusagen.

Das ist lange her. Ich war damals jung und suchte nach den Antworten auf so viele Fragen:

Warum passieren so schreckliche Dinge auf der Welt?

Kann uns das auch passieren?

Darf man sich darüber freuen, dass es uns nicht so geht wie anderen?

Kennst du den Song „Do they know it’s Christmas time„? Ein ganz großartiges Lied (besonders im Original von 1984). Da heißt es doch glatt:

„Well, tonight thank God it’s them instead of you“

Eine Zeile, die durch Mark und Bein geht (nicht nur, weil sie von Bono Vox gesungen wurde). Aber du hörst vermutlich nicht allzu oft Radio. Vor allem in der Weihnachtszeit hast du ja Wichtigeres zu tun. Und wenn Weihnachten erst vorbei ist, darf man keine Weihnachtslieder mehr singen oder hören. Genausowenig wie man Wäsche aufhängen darf an den Weihnachtsfeiertagen. „Da stirbt jemand“ hat uns meine Oma immer gewarnt. Also wird die Wäsche bei uns erst nach dem Stefanietag gewaschen. Ich will da lieber nichts riskieren. Irgendwer stirbt ja tatsächlich immer. Aber ich möchte nicht schuld daran sein. Meiner Oma kann ich leider nicht mehr sagen, dass ich diesen einen ihrer Aberglauben sehr ernst nehme. Geholfen hat es ihr aber auch nicht, dass meine Waschmaschine von 24. bis 26. Dezember stets Betriebsurlaub hat.

Seit 1984 hat sich vieles geändert. (Ich mich auch, in vielerlei Hinsicht). Fiktionen wurden real und doch geht es immer wieder weiter. Mein altes Ich ist seither jedenfalls um einiges älter geworden, aber die Fragen sind die gleichen geblieben. Dabei hatte ich immer gedacht, als Erwachsener hätte man ein sorgenfreies Leben, weil man auf alles eine Antwort wüsste. (Ich Narr!)

Manchmal fühle ich mich wie ein völlig anderer Mensch als der, der ich einst war. Was ist mit dem Kind von damals geschehen? Erlebnisse, Sorgen und Freuden von einst sind so weit weg. Und doch liegt vieles tief vergraben irgendwo da drinnen, in mir, in …ja, wo nur? In meinem Herzen?

Manches davon taucht zur Weihnachtszeit auch wieder auf. Auf dem Gabentisch bei meinen Eltern jedoch bleibt seit langem ein Platz leer. Aber in der Erinnerung rührt sich, wenn die Tage kürzer und die Lampen zu Hause früher eingeschaltet werden, ein Hauch jener Vorfreude auf den Heiligen Abend wie seinerzeit, Jahre bevor wir das letzte Weihnachtsfest zu viert feierten.

Nun gibt es wieder ein Weihnachten zu viert für mich! Und für diese wunderbaren Menschen in meinem Leben, wünsche ich mir noch immer all das, wie damals, als ich klein war.

Auch heute schreibe ich dir also, weil ich eine Bitte habe: Du wirst schon bald zwei Briefe erhalten, die mit großer Freude gemalt wurden. Lesbar sind sie vielleicht nicht, aber von enormer Bedeutung für zwei kleine Kinder. Wenn du diese Briefe also bekommst und nicht entziffern kannst, dann melde dich doch bitte ganz kurz bei mir. Du weißt ja, wo du mich findest. Du hast mich ja immer auf wunderbare Weise gefunden.

Danke!

Deine M. Mama


storysamstag_1

Endlich wieder Weihnachtszeit! heißt das Motto des Story Samstag bei Tante Tex diesmal. X-mas reloaded könnte man heute dazu sagen, X-mas wie hektisch, laut und blinkend. Für mich bleibt es in dem Trubel da draußen aber einfach Weihnachten, ein bisschen besinnlich und hoffentlich fröhlich. Endlich wieder Weihnachten!

 

15 Gedanken zu “Ein Brief

  1. Oh wie schön. Und ich finde den Brauch des Wunschzettelschreibens ja ebenfalls sehr gut. Ich habe es nie aufgegeben, mit den Jahren wurde es sehr viel ausgefeilter, sodass der Briefteil den Wunschteil mittlerweile um Längen schlägt. Das hat unheimlich viel Freude bereitet zu lesen.

    Und was die Wäsche angeht: Meine Oma war noch ein Stück krasser. Da galt die Regel: Wäsche waschen zwischen den Jahren (also von Hl. Abend bis Neujahr) geht nicht.

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    1. Danke. Den Wunschteil hübsch zu umranden und kurz zu halten ist ja ein sehr eleganter Schachzug 😉
      Bzgl. Wäsche: Ui, da türmen sich dann die Berge in neuen Jahr! Aber die Omas, die waren halt noch streng und hatten dabei oft noch nicht einmal eine Waschmaschine in ihren jungen Jahren! (Also bei meiner Oma – 1899 geboren – kam der moderne Segen der Haushaltsgeräte zumindest erst in der Lebensmitte)

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    2. Ich kenne auch die verschärfte Regel: Zwischen Weihnachten und Neujahr ja nicht waschen! Sonst steht einem im neuen Jahr schlimmes bevor. Es wird gesagt, dass Geister, die in den sogenannten Rauhnächten unterwegs sind, in die zum Trocknen aufgehängten Kleidungsstücke fahren und so dessen Besitzer im folgenden Jahr mit Krankheit und Tod verfolgen. So lernte es meine Uroma und so wurde es jedem weiblichen Nachkomme seit jeher eingebläut. Ob was dran ist, weiß ich nicht. Ich habe zu viel Angst, es wirklich drauf ankommen zu lassen… Wer einen Wäschetrockner hat, könnte das eventuell umgehen, vermute ich.

      Gefällt 2 Personen

      1. Ja, ich habe auch schon überlegt, ob meine Oma wohl die ganze Zeit bis Neujahr meinte. Ich glaube, ich habe das dann auf die Weihnachtsfeiertage gekürzt, weil ich sonst Ende der Ferien nur noch nackt herumlaufen könnte (in Ermangelung frischer Wäsche) 😉 Die technische Umgehung des unabwendbaren Schicksals finde ich aber einen sehr geschickten Schachzug 🙂

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      1. Das kenne ich nur zu gut. Meine Kinder sind zwar schon größer und die Wunschzettel fallen stylistisch heute anders aus, aber die Tradition behalten wir bei. Der Geist der Weihnacht ist wichtig und schön und verändert alles nach einem tristen November-Monat. Wie schade, als mir gestern eine Kollegin sagte, sie könne mit diesem ganzen Weihnachtskram nichts anfangen. Find ich traurig. LG

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