Ich hatte nicht begriffen, wie schlimm es um dich stand,

statt dich zu umarmen, reichte ich dir nur die Hand.

Für mich war es einfach ein weiteres Neujahr.

Du wusstest, es wird dein letztes, dir war das längst klar.

 

Deine Melancholie war mir peinlich, hielt mich von dir fern,

mir kam nicht in den Sinn zu sagen „Ich habe dich gern“.

Ein Abschied für immer, ich ging einfach hinaus,

du sahst mir lange nach, in Gedanken war ich schon Zuhaus.

 

Zwei Wochen später, ein Anruf, meine Welt stürzte ein.

Ich war längst erwachsen und fühlte mich doch so allein.

 

Als Kind warst du mein großer Held, mein Vorbild gewesen.

Du hast uns abends Schiller und Goethe vorgelesen.

Ich liebte deine Stimme, sie fehlt mir so sehr.

Du gabst mir Ideale und Hoffnung, und noch so viel mehr.

 

Im Krankenhaus sah ich dich wieder, es war erschütternd zu sehen

wie dein Körper bis zuletzt kämpfte, doch du wolltest gehen.

Du hattest immer ein Bild davon gehabt, wie alles enden würde,

nun war es so weit, du nahmst die letzte Hürde.

 

Es gab auch schwierige Zeiten, wir schrien und wir stritten,

als Kind und auch später habe ich darunter gelitten.

Ich bin dir sehr ähnlich, das machte es schwer.

Ohne dich war mein Leben plötzlich so leer.

 

Jetzt habe ich selbst Familie, du hast uns zu früh verlassen.

An jedem Menschen gibt es Dinge, die wir mögen und Dinge, die wir hassen.

Meine Kinder kennen dich nicht, doch ich erzähle von dir,

viele deiner Worte klingen noch immer nach in mir.

 

Nur verblassende Bilder und Erinnerungen sind noch da,

ich bereue manches und vergesse langsam, Jahr für Jahr.

Ich denke oft an dich, aber nicht mehr jeden Tag,

Ich wünschte, ich könnte dir noch sagen, wie lieb ich dich hab.