Schlagwort: Abschied

Unbemerkt

Der unbemerkte Beobachter tritt auf. Er beobachtet einen unbemerkten Moment:

Du klagst ganz leise, doch niemanden kümmert dein Sein.

Du erhebst deine Stimme, du fängst an laut zu schrei’n.

Du brüllst aus vollem Halse, lebst nur noch im Schmerz.

Du wirst ganz ruhig, noch schlägt dein Herz.

 

Rettung naht – unbemerkt von Dir:

Ihre Schritte hallen im Flur, sie sind schon ganz nah.

Sie durchsuchen die Räume, kommen näher, sind da.

Sie sprechen so leise, zu fern scheint die Stimme.

Du verstehst sie nicht, dir schwinden die Sinne.

 

Dein Epilog – unbemerkt von der Welt:

Der Trauerzug ist kurz, es schneit an diesem Morgen.

Ich bin nur blasse Erinnerung. War ich jemals frei von Sorgen?

Nun ist es einerlei, zu glauben, zu fürchten, zu wagen!

„Hätte ich freier gelebt!“ hör‘ ich mich viel zu spät klagen.

 

Die Lichter in den Häusern gehen langsam aus,

Die Menschen gehen frierend und schweigend nach Haus.

Ich bleibe hier zurück, bin wieder ganz allein.

Niemanden da draußen kümmert mein Sein.

 

„Unvergessen“ steht auf dem verwitternden Stein.


 

 

 

 

 

 

Am finstersten Tage

Es war Zeit zu gehen, du warst schon so müd‘,

die Worte versiegt, der Blick verschlossen und trüb.

Dieser Abschied war für immer,

er hat dich von allen Schmerzen befreit.

So einen herzlichen Menschen find‘ ich nimmer!

Vielleicht sehen wir uns in der  Ewigkeit.

 

Wir bleiben noch hier, müssen so vieles erst erfahren.

Was wohl noch kommt?

Eine offene Frage.

Dein Lachen möchte ich in mir bewahren,

es leuchtet so hell, auch am finstersten Tage.

 

Irgendwann gehe auch ich,

zum Glück weiß ich nicht wann.

Deine strahlende Liebe wird es sein,

woran ich dich dann erkennen kann.

 

Schwierig | Ein ungleicher Kampf

Eines Tages stand er in unserem Büro,

ein neuer Kollege, so alt wie ich.

„Wie ist der wohl so?“

fragten wir uns, fragte ich mich.

Großgewachsen, eine Kämpfernatur.

Schwere Schicksalsschläge in seiner Kindheit hatten ihn nur angespornt, trotzdem weiter zu machen, nicht aufzugeben.

Er nahm schon als Kind sein Schicksal hin und lernte daraus.

Klare Ziele vor Augen, er wollte hoch hinaus.

Doch mit einem Mal war alles anders. Plötzlich ging es ums nackte Überleben.

 

Krebs, sehr aggressiv. „Vielleicht noch ein Jahr.“

Alle waren erschüttert, nur er blieb wie er war. (mehr …)

Am Ende des Weges, wo die Sprache versiegt …

Mit einem Schlag änderte sich dein Leben vollkommen.

Zurückgeworfen an den Anfang, hilflos, benommen.

Fast alles was war, scheint vergessen und ohne Sinn,

der Körper gelähmt, Teile deines Seins – für immer dahin.

 

Ein sauberes Zimmer, freundlich und hell.

Helfende Hände, doch dir geht alles zu schnell.

So viele Menschen drängen sich dicht an dicht,

betroffene Blicke, flüsternde Stimmen – „Kennst du mich nicht?“

 

Deine Worte sind zahlreich, doch wir verstehen sie nicht mehr,

irgendwann gibst du auf und dein Zimmer wird leer.

Dich so hilflos zu sehen, schmerzt und bedrückt,

manchmal bist du dem Leben rundherum schon entrückt.

 

Gefangen in einem Körper, der dir entgleitet,

Tränen der Scham, die Augen angstgeweitet.

Langsam, in Wellen erlischst du – hier im Pflegeheim.

Wird am Ende des Weges auch jemand bei dir sein?

 

Ich halte ein altes Foto von uns in der Hand,

du bist höflich zu mir, hast mich nicht erkannt.

Es tut weh, doch mein Schmerz ist nur klein

verglichen mit deinem Leid, sprachlos zu sein.

 

Ich fühle, dein Unbehagen ist groß, wenn ich bei dir bin.

Du bist erschöpft von den Besuchen, denkst, ich sei eine Pflegerin.

Ich frage „Willst du dich ausruhen“, du nickst, ich gehe.

Ich weiß, dass ich dich in diesem Leben wohl nie mehr sehe.

 

In meinem Herzen trage ich ein Bild von dir in jüngeren Jahren,

so herzlich wie damals will ich dich in meiner Erinnerung bewahren.

 

gewidmet: H.D.