Dem fehlenden Puzzleteil begegnet man gewöhnlich am Ende von Krimis, in der Anthropologie, der eigenen Sinnsuche oder irgendeiner Art von Forschung. Dem fehlenden Puzzleteil als Metapher.

Oft genug begegnet man ihm aber eben leider nicht, denn es fehlt ja, und im Ablauf der Geschichte bleibt eine Lücke, einzelne Stücke können nicht zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. Das fehlende Puzzleteil als die erträumte Lösung.

In meinem Fall handelt es sich zunächst einmal wirklich um ein fehlendes Puzzleteil, also einen Teil eines Kinderpuzzles, der fehlt. Weiters werde ich heute nacht hoffentlich keine Albträume davon haben, wo das Puzzleteil sein könnte.

Aber von Anfang an:

E sitzt gerne am Topferl, auch länger. Ich lese ihr Bücher vor, wir singen Lieder, sie schaut selbst Bücher an oder sie zeichnet etwas. Abgesehen von der erwünschten Geselligkeit während der Verrichtung des Geschäftes hat dies aber nichts mit den Zuständen in Versaille zu Zeiten Ludwig des XIV. zu tun!

Seit E hinter einem ihrer Adventkalendertürchen ein kleines Puzzle fand, liebt sie das Puzzeln. Also bekam sie seither auch einige Puzzles geschenkt. Heute abend beschloss sie eines ihrer schwierigsten Puzzles, eines mit Eulenmotiven auf Holz zu probieren, während sie am Topferl saß. Gemacht, getan. Das brave Kind war einige Zeit beschäftigt und ich konnte in Ruhe die Wohnung in Ordnung bringen, bis ein leises, stetes Rufen aus ihrer Richtung zu vernehmen war. E hat die Angewohnheit (die in ihrem Alter hoffentlich normal ist), alles so oft zu wiederholen, bis ich darauf reagiere. Ich schaltete den Staubsauger aus und fragte, was sie brauche, da ich ihre Worte nicht verstanden hatte während des Saubermachens.

„Puzzleteil fehlt!“

Noch ohne an eine aktive Beteiligung meinerseits bei der Suche zu denken, stellte ich ihr – während ich noch in der Küche ein paar Dinge erledigte – Fragen, um den Verbleib des Puzzleteils zu erforschen. Meist liegt der gesuchte Gegenstand ja eh fast vor ihrer Nase, nur ein bißchen versteckt zwischen den am Boden verstreuten Büchern und Spielsachen, oder einfach mit der Rückseite nach oben und sie erkennt ihn nicht.

Als ich in der Küche fertig war, aber das hohe Piepsen „Ein Teil fehlt! Ein Puzzleteil fehlt! Einer fehlt!“ nicht verstummte, begab ich mir zu ihr ins Wohnzimmer. Zunächst prüfte ich, ob wirklich ein Teil fehlte. E kann zwar schon zählen, aber manchmal stimmen ihre Zahlenangaben nicht so genau. Zahlen sind oft komplex, nicht nur im Gaußschen Sinn:

Beim Ausräumen der Einkaufstasche z.B. sagte sie neulich zu mir „ZWEI Dosen sind noch drin“. Sie reichte mir eine nach der anderen heraus, ich verstaute beide im Küchenschrank, machte die Schranktür zu, drehte mich um und … stand vor meiner kleinen Tochter, die mir noch eine DRITTE Dose entgegenhielt, mit den Worten „Und noch eine!“.

Jedenfalls verhielt es sich tatsächlich so, dass ein Puzzleteil fehlte.

Ich hatte im Wohnzimmer erst am Vortag gründlich aufgeräumt, also gab es gar nicht so viele Versteckmöglichkeiten für das Stückchen Holz. Wir suchten und suchten, aber der Teil blieb verschwunden.

E hilft gerne und fleißig bei Suchaktionen, doch ihre Logik dabei ist mitunter vor allem lustig, aber nicht zielführend. Ihre Methode ist es nämlich, an jenen Orten nachzuschauen, an denen es schon physikalisch völlig unmöglich ist, dass das Was-auch-immer liegt. Und manchmal habe ich sie ein bißchen im Verdacht, dass sie die Gelegenheiten einfach nur nützt, um mittels Sessel und Stockerl alle Schubladen und Kästen zu durchsuchen, an die ich sie sonst nicht heranlasse. Vor kurzem musste ich ihr helfen, eine verschwundene kleine Plastikfigur wieder zu finden. Sie hatte damit gespielt und sie wiederholt in die Luft geworfen. Um die Suche lokal einzuschränken und ein bißchen effizienter zu gestalten, fragte ich sie, wo sie das Ding zuletzt gesehen hatte. Sie überlegte kurz und blickte dann erwartungsvoll nach oben in die Luft!

Die letzte Möglichkeit war: das Topferl selbst! Darin oder darunter.

Ich versuchte in die grüne Plastikschüssel zu lugen, aber E presste sofort beschämt oder einfach nur trotzig die Beine zusammen. Also probierte ich es verbal: „Ist es vielleicht ins Topferl gefallen?“ fragte ich. „Nein!“ bekam ich als empörte Antwort. Dieses „Nein“ war jedoch mit Vorsicht zu genießen. Einerseits wäre es natürlich möglich, dass sie es tatsächlich nicht gemerkt hatte, dass der Puzzleteil hineingefallen war. Ihre Art die Puzzles zu Beginn zu zerlegen ist nicht von der sanftesten Art. Umdrehen, rums! Eventuell noch gefolgt von einem Klopf! Klopf! und schon liegen alle Teile irgendwo verstreut heraußen. Andererseits ist ihre Entscheidung, ob sie eine Frage mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet nicht immer frei von Phantasie, Beliebigkeit und Laune. Auch die momentane Einstellungen zu demjenigen, der gerade fragt, spielt eine Rolle (also Achtung: bias!).

Die andere verbleibende Möglichkeit war also nur noch, dass der Puzzleteil unter dem Topferl lag. Sie stand auf, ich half ihr noch mit dem Clopapier, das sie brav ins Topferl fallen ließ, und hob die Plastikschüssel vorsichtig, aber zuversichtlich auf. Doch: nichts! Da war der fehlende Teil auch nicht. Verwundert ging ich ins Badezimmer, leerte den Inhalt des Topferls rasch in die Klomuschel, drückte die Spülung  und kehrte grübelnd ins Wohnzimmer zurück, wo mein Mann mich erwartungsvoll fragte: „Und hast du es gefunden? War es IM Topferl?“

Ich erstarrte. Ich hatte VERGESSEN HINEINZUSEHEN!

Ich hatte EINE Aufgabe gehabt und die hatte ich vergeigt!

Verfl*** short attention span!

Ich bin heute abend schon mehrfach in Badezimmer gewesen und habe vorsichtig in die Clomuschel geschaut. Das Holz ist ja sehr leicht, vielleicht würde der Teil ja nochmals nach oben schwimmen? Ich war auch schon kurz davor noch mit Saugglocke und Handschuhen, die bis über die Ellbögen reichen, mein „Glück“ zu versuchen. Aber mein Mann ist überzeugt, dass der einzige Ort, an dem das Holzstück wieder auftauchen könnte, die Kläranlage ein paar Kilometer weiter talabwärts sei. Und dort will ich gewiss nicht hin!

Morgen werde ich also ein Laubsäge-Set kaufen, und mit dem mir eigenen Handwerks- und Zeichentalent (nämlich keinen) versuchen ein Puzzleteil zurecht zu sägen und mit bunten Eulenpopos zu bemalen.