Und heute Teil 2 zu meinem gestrigen abc-Etüden-Beitrag (hier) von gestern mit der Wortspende von Wortgerinnsel:

strasse-bunt

Amok. Rückwärts: Koma. Seltsam, wie manche Worte mit den Folgen ihrer Taten zusammenhängen. Ein kleines „m“ dazu und schon ist es nur noch ein Strich, ein Komma, ein dummer Beistrich, dessen Setzung sie bis heute nicht wirklich beherrschte. Aber warum dachte sie jetzt überhaupt über Rechtschreibung nach? Es war schon grotesk, welche Banalitäten einem einfielen, wenn es um Leben oder Tod ging.

Jetzt war definitiv nicht die Zeit dafür, um sich über Worte Gedanken zu machen. Sie stand mit ihrer Pistole in der (stark zitternden) Hand gegenüber dem Haupteingang der Firmenzentrale und wartete. Es begann zu tröpfeln. Sie hatte ihren Knirps zuhause gelassen, denn sie brauchte beide Hände, um zu zielen.

Sie war kein guter Schütze. Hoffentlich würde es diesmal reichen. Österreich, ein Land der Waffennarren. Jagdscheine bekommt man fast schon bei der Geburt, aber auch sonst gab das „Recht auf zwei Waffen“ dem unbescholtenen Bürger fast schon die  unausgesprochene Verpflichtung, sich zu bewaffnen.

„Ha!“ diese Überlegung ließ sie auflachen. Und es war doch die richtige Zeit, um über die Bedeutung von Worten nachzudenken. Immerhin stand sie jetzt hier im Regen und wartete auf den, der sie beleidigt hatte. „Schlimmer als Kugeln noch treffen Worte“,  dachte sie.

Irgendwann musste dieses arroganten Stück Dreck doch auch nach Hause gehen, aber er hatte wohl keine Familie, die auf ihn wartete. An ihm war nichts Liebenswertes. „Notieren Sie sich das – für ihren Grabstein“ stieß sie gepresst hervor. Es regnete jetzt richtig und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Nur sie stand da, Waffe in der Manteltasche und wollte die Stimmen, die sagten, dass es eine ganz blöde Idee war, auf die Wut zu hören, nicht beachten.

„Schönen Abend!“ rief er ihr zu, als er endlich heraus kam. Automatisch verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln und sie krähte ein überraschtes „Gleichfalls!“.