How not to: Spamfilter und Telefonterror

Ein Krimi ist nur dann richtig spannend, wenn sich langsam Puzzleteil an Puzzleteil fügt und es irgendwann plötzlich einen Aha-Effekt in Bezug auf das Gesamtbild gibt.

Weiters nimmt die Tragik zu, wenn ein Unbescholtener in einen Strudel aus kriminellen Machenschaften verwickelt wird oder zumindest nicht der Paradegauner den Bösewicht gibt.

Was das mit mir zu tun haben könnte? Das kann ich an dieser Stelle auch nicht so genau sagen, aber fangen wir doch am Anfang an:

Es war Sommer.

Eine junge, hübsche Frau, oder zumindest eine liebevolle Mutter, kramt die Badesachen für ihre entzückenden Kinder aus dem Schrank, nur um festzustellen, dass natürlich alles längst zu klein geworden ist. Kinder werden nicht nur lauter, etwas frecher und selbständiger, sondern auch größer. Panisch – da sie natürlich sonst immer alles im Voraus wunderbar geplant hat – stürzt sie zum Computer und blättert sich durch Seiten voller rosa-Prinzessinnen-Bademode. Ehe ihr ganz glitzerlila vor Augen wird, drückt sie auf „Jetzt kaufen“ und erwartet ungeduldig die baldige Zustellung der Ware.

Einer, der immer seinen Senf dazu geben möchte, nennen wir ihn Estragon kommt vorbei und ruft: Komm, wir gehen!

Wie-wird-mir nur, ich antworte: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wer-wenn-nicht-ich: Wir warten auf die Badehose!

Estragon: Ah!

So ähnlich spielte sich die Warteszene (von Beckets Warten auf Godot) ab, bis eines Tages endlich die heiß ersehnte Badehose an einem noch heißeren Tag eintraf. Im Endeffekt war sie noch etwas zu weit, aber der Sommer hatte bereits voll an Fahrt aufgenommen.

UV und andere Filter

Möchte man etwas ausblenden, dann benützt man Filter. Beim Kaffee genauso wie für oder noch besser gegen Spam. Der effektivste Spamfilter ist es natürlich, erst gar nicht E-Mails zu lesen. Sie sind eine potentielle Gefahrenquelle lehrte uns der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf (und auch die Präsidentschaft) und sollten daher nur mit Vorsicht genossen werden.

Die zweite Methode, sich nicht belästigen zu lassen von Zuschriften, besteht darin, selbige einfach eine Zeit lang zu ignorieren. Über das Smartphone sind wir ja eh schon rund um die Uhr erreichbar, da wird man ja wohl die Briefe noch öffnen dürfen, wann man will. Und die Cooling-Off-Periode sollte nicht nur (beim Waffenkauf und) nach dem Kochen vor dem Essen eingehalten werden, auch das Prädikat „gut abgelegen“ enthält ein „gut“ und ist folglich als solches zu bewerten.

So kam es, dass ich im November eine Zuschrift mit dem roten Vermerk „WICHTIGE MITTEILUNG“ endlich öffnete und feststellte, dass es sich nicht um einen Gutschein mit Ablaufdatum handelte, sondern um eine der letzten Mahnungen.

Schluck! So rutscht man als anständige, brave Mutter und Hausfrau mit einem Bein plötzlich Richtung Kriminal, wo man sich doch gerade noch Gedanken machte über die nächste Onlineshopping-Session für die Wintermode. Die musste jetzt erst einmal warten.

Gründliche Recherchen und ein einziger Blick in die Mailbox zeigte dann, ich war schon viel früher auf den Umstand aufmerksam gemacht worden, dass ich vergessen hatte, zu bezahlen. Nun las sich das Schreiben aber mittlerweile so, dass mir demnächst der Exekutor vorbeigeschickt würde und ich auf die für-immer-und-ewig-in-Onlineshopping-Ungnaden-gefallen-Liste gesetzt würde.

Der kleine Nachsatz: „Sollten Sie Zahlungen nach dem soundsovielten gemacht haben, können Sie dieses Schreiben [aka Drohbrief] selbstverständlich ignorieren und fröhlich bei uns weitershoppen.“ kam mir ehrlich gesagt ein bisschen doppelmoralisch vor, aber sei’s drum.

Der offene Rechnungsbetrag hatte sich ebenfalls längst verdoppelt und ich sah mich im Geiste schon einem schlagkräftigen Trupp netter Inkassobüromitarbeiter gegenüber, ehe ich mich – ruck, zuck – zur Bank(webseite) begab, um meine Schulden zu begleichen.

Epilogisch – eh fast logisch

Das Übel wurde also wie bei einem Agatha Christie Thriller durch das beherzte Eingreifen meinerseits im letzten Moment noch abgewendet, meine Karriere als böser Schuldner vorzeitig beendet. Doch so ein Erlebnis prägt. Es hinterlässt Spuren und vor allem einige Fragen:

Wie konnte ich all die gesendeten Zeichen übersehen?

Warum bin ich nicht besser organisiert?

Werde ich jemals wieder bei diesem Versandhandel ehrenvoll einkaufen können oder haftet nun das Stigma des vergesslichen Zahlers an meinem Namen?

Ach, hätten sie mich doch nur ein einziges Mal angerufen, und die Sache wäre schon viel früher aus der Welt zu schaffen gewesen, dachte ich fast schon ärgerlich, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel:

Die letzten Monate war ich einem Telefonterror dieser Firma ausgesetzt gewesen, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Tatsächlich war ich bereits drauf und dran, mich über mögliche rechtlichen Schritte gegen diese dauernden Belästigungen schlau zu machen. Schlau wäre aber gewesen, das Telefonat einmal anzunehmen. Dummerweise ist der Telefonempfang im meinem Büro denkbar schlecht und so hatte ich immer nur die Nachricht am Handy, dass mich eine dubiose Nummer wieder und wieder versucht hatte anzurufen. Wenn ich gelegentlich sogar zurückrief, weil ich die Nummer noch immer nicht sofort als Spam erkannte, kam ich in eine Warteschleife und außer der Dudelei irgendeines Kaufmotivierungssonsgs hörte ich die Werbung des Versandhändlers meiner Wahl, womit für mich klar war: Aggressive Werbung, keinen Rückruf wert, brauche ich nicht ans Telefon zu gehen.

Ihr erkennt meinen Gedankenfehler?

Ja, sie haben nicht nur einmal versucht mich daran zu erinnern, dass ich zahlen sollte. Sie haben es wieder und wieder und wieder und noch viel öfter getan und ich habe alle telefonischen, auf Papier oder per E-Mail geschriebenen Warnungen ignoriert.

Ich bin die Königin der Spamfilter, der onlineshoppende Eremit des 21. Jahrhunderts!

Und im nächsten Sommer wird die Badehose hoffentlich passen, dann darf sie die Tochter jeden Tag anziehen – so ein teures Kleidungsstück fürs Freibad habe nicht einmal ich im Schrank!

sommernachmittag

Der letzte Sommer ist schon lange her, bis zum nächsten dauert es sogar noch ein bisschen länger, aber die Rechnungslegung hat mir jetzt zur Fasthalbzeit, im trüben November, einen teuren Gruß an den Sommer geschickt.

Hätte ich doch nur die Rechnungen nicht verlegt 😉

3 Gedanken zu “How not to: Spamfilter und Telefonterror

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s