Alles auf einmal (zu viel)

Allzeit bereit wartet es hinter jedem lauten Ton, jeder Anstrengung, die zu viel ist und jedem Moment, in dem du dich fühlst, als wärst du für alles verantwortlich – sogar für das Leid da draußen.

Was geht es dich an, was passiert? Irgendwo passiert immer irgendwas, irgendwo anders, aber nicht hier. Noch nicht. Nicht jetzt.

Es hat sich angesammelt. Jeden Tag kommt ein Stück des Grauens dazu.
Rund um dich ist alles friedlich. Fast schön, schön gleichgültig. Und schweigende Ignoranz. Als gäbe es nichts Schlechtes auf der Welt, zumindest dann nicht, wenn man es nicht sieht und nicht ausspricht.

Geschieht das Böse immer nur im Verborgenen? Nur dort, wo wir nicht hinsehen? Dann, wenn wir den Kopf gerade zur anderen Seite gedreht haben? Geschieht es nur den anderen? Den Fremden. Den Menschen und Tieren, die namenlos aufgelistet werden. Ausgedrückt in einer Zahl?

So und so viel Tote, so und so viel Verletzte, so und so viel Vermisste. Ein paar hundert Heimatlose, ein paar Tausend, die zur Schlachtung gekarrt werden.

Rückt das Leid langsam näher an dich heran?

Ein Strudel aus Angst, Lärm, Wut und Hilflosigkeit wirbelt in dir. Die Kopfschmerzen werden rasend. Die Augenhöhlen brennen. Die ganze Wirbelsäule ist verkrampft, so wie die Gefäße in deinem Schädel, die zu platzen drohen.

Nur die Stille und die Finsternis könnten Linderung bringen. Aber alles, was du kürzlich gelesen, gesehen, gesagt und gehört hast, fragt in dir, redet in dir, schreit in dir. So laut. Viel zu laut. Viel zu schnell. Alles durcheinander und auf einmal.

Fliehen vor dem eigenen Gedankensturm? Der Bilderflut? Das ist nicht möglich. Es ist nicht vorgesehen, dass man sein eigener Feind wird. Sein eigener Gefangener. Aus der Haut schlüpfen und schreien. So lange und so stark, bis alles still wird. Ganz still. Aus der Haut schlüpfen wie ein Tier, das lebend für den Pelz herausgeschnitten wird aus seinem eigenen Körper.

Es tut so weh.

Was ist schon Migräne gegen einen qualvollen Tod – der Mode zuliebe, der Gier zuliebe?

Because I can! Weil ich es so will! Who cares? Was geht’s mich an!“ So vieles geschieht, weil wir es können, es so wollen oder nicht verhindern. Es geschieht, weil es möglich ist. Das Undenkbare ist möglich. Also geschieht es. Es geschieht, weil keiner aufsteht und etwas dagegen tut. Auch du rührst dich nicht vom Fleck, wenn es Mut erfordert. Jetzt läufst du auf und ab. Jetzt! Nur für dich. Weil es um dich geht.

Im Kreis laufen wie ein eingesperrtes Tier. Mitleiden mit allen eingesperrten Tieren. Hier. Jetzt. Mit Menschen, denen es nicht so gut geht wie dir. Eine Qual, unendliche Qual. Es gibt kein Ende. Nicht solange du lebst und nicht nach dir. Das Leiden geht immer weiter – irgendwo, für irgendwen.

Die Vorhänge vorgezogen, rettende Dunkelheit. Hoffen auf den Sonnenuntergang. Erst in der Nacht wird er vielleicht vergehen, der Schmerz. Für dich. Anderen bleibt er, kommt wieder und wieder. Ist eine Welt ohne Schmerz vorstellbar? Träumerei. Nicht von dieser Welt. So vieles nicht. Abscheulichkeiten.

Und du selbst.

Du wünschtest, du wärst nicht von dieser Welt.

Erlösung?

Irgendwann.

Vielleicht.

2 Gedanken zu “Alles auf einmal (zu viel)

  1. Dein Text ist sehr eindringlich. Und ja, es ist schwer auszuhalten. Manchmal versuche ich, durch positive Meldungen oder Vorstellungen ein Gegengewicht zu schaffen. Heute las ich im Weblock https://www.newslichter.de/ „Gute Nachrichten online“ von einem Film, der demnächst in die Kinos kommt (Eine Welt ohne Fleisch), sah auch den Trailer an https://www.youtube.com/watch?v=ir6-GgAXuSM. Wenn man will, kann man darin gute Nachrichten entdecken (auch schlechte, natürlich, als Kontrastprogramm). Sei lieb gegrüßt! Gerda

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