Haptik – Ha, pickt!

Das Wörtchen Haptik ist ein feines, meist nur still, in der direkten Berührung gebrauchtes. Ehrlich gesagt, schwirrt es mir erst regelmäßig im Kopf herum, seit ich Zeilenendes Blog lese, in dem er uns mit sehr unterhaltsamer „Gedankenhaptik“ (!) versorgt.

Sehr philosophisch ist dieser Beitrag von mir heute jedoch nicht angelegt. Es soll viel mehr um etwas real Greifbares, unmittelbar Angreifbares gehen, das man mitunter gar nicht mehr loslassen kann, selbst wenn man wollte:

Eine Tube Klebstoff.

Endlich! Ein lange erwartetes Thema, nicht wahr? Na ja, Hauptsache ich kann es mit Haptik betiteln.

Ich könnte jetzt großmundig behaupten, dass ich so geschickt wäre und bei mir nie etwas zu Bruch ginge, sodass ich keines Klebstoffes im Haushalt bedürfte. Die Wahrheit liegt vermutlich eher in der langen Lebensdauer so einer Tube und dem ehelichen, arbeitsteiligen Zusammenleben mit einem bastelwütigen Mann. Eventuelle  Reparaturarbeiten erledigt mein mir Angetrauter mit großer Geduld und Feingefühl, und ich sorge mit deutlich weniger Geduld und explosivem Temperament dafür, dass es immer wieder etwas zu tun gibt.

Mit einer Tube Klebstoff kommt man tatsächlich unglaublich lange aus. Als Erwachsener. Meine letzte selbst gekaufte Tube machte schon so manchen Umzug und sogar eine Familiengründung mit und überdauerte sogar manch kleines Haustier.

Kindergarten- und Schulzeit ohne Alleskleber? Nicht vorstellbar. In jede gut sortierte Schultasche gehört so etwas, ob er nun wie die größte Eulenart heißt oder auch ganz anders. Die Handhabung will jedoch gelernt sein. Die effizienteste Ausquetschmethode ist eine der Fähigkeiten, die Kinder hoffentlich irgendwann im Bastelunterricht lernen. Besonders die jüngeren, aber auch ausgewachsene Exemplare neigen leider dazu, Tuben in der Mitte zusammenzudrücken, wenn sie eine Paste oder einen Klebstoff benötigen. So ein beibehaltener Umgangsfehler aus der Kindheit soll schon beim Zähneputzen im Badezimmer zu Rosenkriegen geführt haben. Tuben quetscht man von hinten aus. Paste, nein, Basta! Man kann sie sogar nach und nach aufrollen, um auch das letzte Restchen nach vorne zu drücken. So dachte ich bisher. Doch dann kam alles anders:

Weggepackt in der Krimskrams-Schublade harrt meine Klebstoff-Tube seit Jahren ihrer selten gewordenen großen Auftritte, um alles zu geben, was in ihr steckt. Tatsächlich wollte ich neulich abends endlich wieder einmal auf sie zurückgreifen, aber es war schon spät und die Kinder schliefen bereits. Die Schublade war somit unerreichbar, da sie sich in der nächtlichen No-Go-Zone befindet, will man nicht den seligen Schlaf des Nachwuchses unnötig stören. Schlaue Eltern tun so etwas nicht.

Mein Mann – stolzer Besitzer einer eigenen Tube Alleskleber – erlaubte mir selbstlos seine neu gekaufte zu verwenden, nachdem ich festgestellt hatte, dass der herumliegende Klebestift meiner Tochter völlig funktionslos ist. Da die 3-Jährige derzeit alles, was sie bastelt noch  „versiegeln“ muss, ist der Stift zum Kleben nicht mehr zu verwenden. Aus dem Klebeteil ist ein gummmiartiges Ding geworden.

Ich holte also die angeblich ganz neue Tube und …. wunderte mich. Was hielt ich denn da in der Hand? Da stimmte doch etwas nicht. Das Ding war so leicht! Von wegen voll, kein Gewicht, ergo leer, schlussfolgerte ich voreilig. Das ganze fühlt sich nicht richtig an und nach einem kurzen Schreckmoment wusste ich auch woran es lag: Statt einer Metalltube hielt ich Plastik in der Hand! Die ganzen schönen Kindheits-Bastel-Kreativitätshochgefühls-Erinnerungen waren mit einem Schlag dahin!

Ich spüre in Gedanken noch das kalte Metall in meinen kleinen Kinderhänden, die sicht- und tastbaren Dellen, die jedes Drücken hinterlässt. Ich sehe die anderen Kinder in der Klasse rund um mich vor meinem geistigen Auge, wie sie ebenfalls glasklare Alleskleberflüssigkeit auf Pappe, Tische, Scheren tropfen. Ich  weiß noch genau wie sich die Fäden anfühlen, die das Zeug zwischen den Fingern zieht und wie man noch in den nachfolgenden Schulstunden an den Händen herum kratzte, um auch die letzten Flecken des getrockneten Klebstoffs endlich loszuwerden. Haptik vom Feinsten, nur in Gedanken und doch so real.

Und dann hält man eine Plastiktube in der Hand und denkt nur, das ist einfach nicht dasselbe! Zu leicht, zu schön! Sie verliert ihre Form nicht einmal, auch wenn man sie ordentlich gequetscht hat!

Tröstlich war nur, dass das Zeug nach wie vor genauso rinnt und tropft wie eh und je – auch wenn unzählige Male „tropffrei“ draufsteht. Na, wenigstens manche Sachen ändern sich nie.

10 Gedanken zu “Haptik – Ha, pickt!

  1. Aus schulzeitlichen Bastelstunden noch sehr gut in schlechter Erinnerung habe ich einen Klebestift, der doch tatsächlich den verführerischen Duft von Marzipan verströmte. Das allein hätte an und für sich nicht den Tatbestand der Unverzeihlichkeit begründet. Es wurde aber bitterböse im Verbund mit der Tatsache, dass der Stift nur nach Marzipan gerochen, aber nicht ebenso GESCHMECKT hat. Man hätte dem Stift eine kleben mögen – genützt hätte es aber eh nichts…

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  2. Klebstoff ist tatsächlich auch bei mir ein selten gebrauchter Artikel geworden (ich vergesse aber schon seit drei Woche bei jedem Einkauf den benötigten Sekundenkleber). Ich war auch schon als Kind mehr der Klebebandfan. Vermutlich ein geschick umgesetzter Erziehungstrick meiner Mutter. Den Effekt mit der Tube gibt es aber auch bei Salben, Zahnpasta, … und ich finde es eigentlich ganz schön, weil bei den xfach geknickten Metalltuben der Inhalt irgendwann unvermeidbar überall rauskommt. Kunststofftuben tropfen wenigstens nur auf einer Seite.

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  3. Ich weiß gar nicht, was du meinst. Für mich klingt das verdächtig nach Gedankenhaptik im doppelten Sinne. Chapeau dafür.

    (Überhaupt, die Sache: Was Gedankenhaptik ist, weiß nicht einmal der Erfinder des Begriffs so genau. Die klebrige Erinnerung an den Stoff, den wir früher so geschnüffelt haben, sorgt dafür, dass meine Finger an der Tastatur kleben. Ist das eine Tast-atur-Erfahrung?)

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    1. Gedankenhaptik habe ich bisher so interpretiert, dass sich bestimmte Gedanken an den Hirnwindungen festkleben wie Spinnweben, wodurch das Gefühl einer physischen Fassbarkeit evoziert wird. Das birgt dann allerdings das Risiko, dass Hirngespinste für Wirklichkeit gehalten werden. [Letzteres provoziert oft die Frage: Geh, spinnst? Daher der Name Hirngespinst.]

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      1. Das würde auch erklären, warum einem manche Dinge einfach nicht einfallen. Die kleben so fest, dass man sie nicht rausschütteln kann … sehr anschauliche Vorstellung auf jeden Fall, aber irgendwie muss ich dabei auch an Spinnen denken (grusel!) und wie die größte mitten im neuronalen Netz thront und alles überwacht

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    2. Ich war erstaunt, wie sehr haptische Erlebnisse doch mit Gedanken (Erinnerungen, Erwartungen) verbunden sind, also vielleicht ist es ja wirklich Gedankenhaptik 🙂
      Für klebrige Tast-atur-Erfahrungen empfehle ich neben Klebstoff noch kleine Kinder mit schmutzigen Händen (Normalzustand) 😉

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