2016

Seit einigen Monaten setzt E theatralisches Weinen bewußt ein, um zu bekommen, was sie möchte. Auf Knopfdruck wird losgeheult, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen geht und den überraschten Eltern nicht sofort eine Ablenkung einfällt. Wie auf Knopfdruck kann dieses Weinen auch wieder eingestellt werden, nämlich dann, wenn der eigene Wille durchgesetzt wurde.

Kleine Kinder weinen überhaupt sehr viel. Im Alltag eines Kindes ereignen sich aber auch viele Dramen, also Situationen, die nicht der eigenen Erwartung entsprechen und für die der junge Mensch noch keine Lösungsstratgien entwickelt hat – außer Tränen, Tränen und noch mehr Tränen. Das erdverkrustete Steckerl darf nicht mit ins Wohnzimmer genommen werden, der Becher in der Lieblingsfarbe ist noch im Geschirrspüler, die Mama zieht für Z das Musik-Mobile auf, wo doch E das für die kleine Schwester machen wollte – alles Gründe die Schleusen zu öffnen.

Oft genug weiß man ja gar nicht gleich, welches Unglück dem armen Kind widerfahren ist, weil die tränenerstickte Stimme immer vor dem wesentlichen Teil des Satzes versagt und nur das geschluchzte „Aber, aber, aber, ich wollte doch wäh hä hä!!!“ zu verstehen ist.

Es fällt nicht immer leicht, die Situationen richtig zu meistern. Die Tränen der kleinen Prinzessin können das Mutterherz auch rühren. Immerhin ist der Kinderschmerz manchmal echt (aber eben oft auch vor allem Mittel zum Zweck). Doch ich halte es für wichtig, dass das Kind lernt, dass es Regeln und Konsequenzen gibt und nicht immer alles nach den eigenen Vorstellungen abläuft.

Ich frage mich auf jeden Fall, woher mein kleiner unschuldiger Schatz dieses manipulative Verhalten eigentlich hat?

Damals

Bei einem Besuch bei meiner Mutter ist neulich mein Pokal aufgetaucht. Da lag er. In einer Kiste mit Spielzeug, ganz oben. Silberfarben, 15 cm hoch, reines Plastik.

Mein Pokal!

Ich bin kein Schifahrer und habe es nur zu einem einzigen Schnupperbesuch bei den Pfadfindern und ein paar Abenden in einem Schachclub geschafft. Letzterer bestand leider nur aus alten Männern – also aus damaliger Sicht, ich war 10, die Clubmitglieder waren geschätzte 25 aufwärts. Das war kein adäquater Ersatz für den Schachclub, der in der Schule leider nicht zustande kam, weil ich die einzige Interessentin war. Damit erschöpften sich meine Vereinserfahrungen auch schon fast wieder, abgesehen von ein paar Stunden in einem asiatischen Kampfkunstkurs, den ich aber wegen Knieproblemen aufgeben musste. Weit und breit also keine Chance auf glänzende Pokale. Daher ist dieses kleine Plastikding für mich etwas ganz besonderes. Ebenso die Geschichte, wie ich ihn „gewonnen“ habe.

Damals war ich noch so klein, dass ich zwar immer überall dabei sein wollte, wenn meine große Schwester etwas unternahm, aber eigentlich meistens nicht richtig mitmachen konnte, weil ich eben noch zu jung dafür war. So war es auch an jenem schönen Sommernachmittag mitten in den Ferien als wir bei den älteren Nachbarskindern zu Besuch waren und irgendein Gesellschaftsspiel gespielt wurde. Ich verstand die Regeln nicht wirklich, aber natürlich wollte ich mitspielen. Das Resultat war eine lausige Spielleistung und ich verlor. Ein Schock! Ich tat das einzige, was mir in diesem Fall als angemessen erschien: ich heulte drauf los.

Die größeren Kinder bemühten sich redlich mich zu trösten, aber da war nichts zu machen. Die Tränen wollten nicht versiegen, mein Unglück war zu groß. Erst als eines der Nachbarskinder den kleinen Plastikpokal aus seinem Zimmer holte und mir überreichte, beruhigte ich mich augenblicklich. Ich hatte immerhin einen Pokal „gewonnen“, wen interessierte da noch wie das Spiel ausgegangen war!

Fazit

Ich halte diesen Pokal bis heute in Ehren und ich möchte wirklich einmal wissen, wo meine Tochter dieses Drama-Queen Verhalten herhat!