Unsere gemeinsamen Mahlzeiten sind derzeit das heillose Chaos. Endlich kann meine Babytochter selbst im Hochstuhl sitzen, schon wird aus dem Familienessen eine olympische Disziplin. Der „Wettkampf“ findet 3 x täglich statt. Austragungsort: Küche. Ich schwöre, bei jedem Essen verbrenne ich mehr Kalorien als ich überhaupt zu mir nehme.

Bis Neujahr saß Z beim Füttern auf meinem Schoß. Das hatte zwangsläufig zur Folge, dass sich der von mir geführte Löffel und ihr Mund nicht immer unbedingt trafen. Von ihrem Gesicht selbst sah ich ja nicht allzu viel, und Babies haben die Angewohnheit nicht einfach ruhig zu sitzen und der Mama das Leben leichter zu machen.

„Old news“ denken Mütter, „alles bestens“ der Entwicklungspsychologe.

Der Brei landet schon Mal irrtümlich auf der Wange, der Stirn, dem Kinn oder Zs dazwischengreifender Hand, mit welcher sie sich gleich darauf ans Ohr und in die Haare griff. Beim Füttern wird alles außer dem Lätzchen voll gekleckert, aber beim Baden wird das Baby wieder blitzeblank.

An dieser Stelle muss ich jedoch eine Frage stellen, die mich schon länger bewegt:

Warum ist gekaufter Babybrei eigentlich immer orangefarben?

Bei Kind Nr. 1 habe ich ja noch so gut wie alles selbst gekocht und im Mixer püriert. Bei Kind Nr. 2 habe ich festgestellt, dass inzwischen die Auswahl an Biobeikostgläschen in den Regalen erfreulich höher geworden ist. Und wenn schon nicht bio, dann gibt es jetzt trotzdem auch schon mehr Auswahl an Beikost ohne Zutaten, die mich sofort an Diabetes und adipös denken lassen  (Zucker, Schlagobers – wieso kommt das in Babynahrung rein?! Wir sind nicht mehr in den 50ern des vorigen Jahrtausends!) Ich freute mich jedenfalls, mir das tägliche kiloweise Gemüse-und Obstheimschleppen und stundenlange in der Küche stehen ersparen zu können. Meine selbstgemachte Beikost hatte die unterschiedlichsten Farben. Die Fertigprodukte sind alle entweder

knallorange oder giftgrün.

Ich vermute ja einen Komplott zwischen Babynahrungsherstellern und Babybekleidungsproduzenten bzw. Waschmittelfirmen. Die Flecken gehen ohne die super aggressiven Mittel, die 24 Stunden lang auf Werbekanälen angeboten werden, nie wieder aus dem Strampler raus.

Wer sich selbst auch schon einmal Gedanken gemacht hat über die völlig unglaubwürdigen Werbedauersendungen, der möchte vielleicht meinen Exkurs zum Thema Werbekanäle lesen.

Zurück zu den angepatzten [Österreichisch für bekleckert] Lätzchen, Shirts und Strampelhosen meiner kleinen Tochter. Die Anzahl und Intensität der Flecken lässt sich auch durch Waschen nur minimal reduzieren. Babies sind da wesentlich pflegeleichter. Ohne Schonwaschgang, einfach rein in die Badewanne, ein bißchen einseifen und – voilà! – sauber.

Omas Methode des Armefesthaltens beim Füttern will ich als moderne Mutter eines möglichst frei auf- und hoffentlich zu einem glücklichen, selbstbestimmten Menschen heranwachsenden Kindes nicht anwenden. Die Oma-Generation hat die Kinder ja auch noch in Wickelpölstern verschnürt, um in Ruhe den Haushalt machen zu können. Ich halte das für grausam, weil es dem taktilen Erforschungsdrang des Kindes zuwider ist. Da „schiebe“ ich meinen Schatz doch lieber für ein paar Stunden in die Kinderkrippe „ab“. Dann habe ich Zeit für Erledigungen und die Kleine jemanden zum Spielen. Aus meiner Sicht eine win-win Situation. Mitmenschen mit konservativerer Familiensicht und vehemente Krippenkritiker/gegner sind da vermutlich anderer Meinung. Man kann  sehr, sehr viel und lange darüber  diskutieren, aber am Ende wird es doch nichts am jeweiligen Standpunkt ändern.

Eine weitere Konsequenz des Fütterns am Schoß war, dass ich meine Mahlzeiten immer erst einnahm, nachdem alle anderen schon gegessen hatten. Doch das war ehrlich gesagt gar nicht so schlimm. Hatte ich das schmutzige Geschirr meiner Lieben erst einmal weggeräumt, die Tischplatte, den Boden, die Sessel und eventuell die Wände geputzt, schon hatte ich ein paar Minuten lang beinahe (und leider meistens nur beinahe) ein bißchen Ruhe und das Gefühl ein eigenständiger, erwachsener Mensch zu sein, statt die Frau für alle Dinge, die sonst keiner in diesem Haushalt

  • machen kann (Kind),
  • möchte (Kind und Mann) oder
  • sieht, dass sie zu tun wären (vor allem Mann),

alias „Mama“. Und während die Kinder satt und zufrieden im Wohnzimmer spielten, fand sich manchmal neben dem Essen sogar noch die Zeit, einen Zeitungsartikel zur Gänze zu lesen. Luxus pur!

Damit ist es jetzt erst einmal wieder vorbei.

Da Z nun gleich links neben mir sitzt, wo vorher ein freier Platz war, will die knapp 3-jährige E auch plötzlich näher bei Mama, also möglichst direkt neben mir sitzen und rückt mir von der rechten Seite sozusagen auf die Pelle. Das wäre ja entzückend, gäbe es nicht das unweigerliche Bedürfnis der jüngeren Tochter nach allem zu schnappen, was in ihre Reichweite kommt – Mamas Teller, Papas Messer, ihr Schüsselchen mit Brei, die Serviette etc. -, es in den Mund zu stecken, zu zerreißen, sofern das möglich ist,  damit herumzuhämmern, auf alle Fälle gehörig anzusabbern und danach schwungvoll auf den Boden zu werfen.

Die größere Tochter findet das natürlich super lustig und versucht der jüngeren in nichts nachzustehen. Ich kann erstmals die geniale Überlegenheit der Tiere mit mehr als 2 Armen (also v.a. Spinnen und Kraken) gegenüber dem Menschen erkennen. Meine 2 Hände reichen jedenfalls nicht einmal annähernd dafür aus, alles, was auf dem Tisch bleiben sollte auch dort festzuhalten. Ständig landet irgendetwas unter dem Tisch. Flecken an der Wand, auf den Sesseln und Vorhängen sind unumgängliche Kollateralschäden.

Z findet es ganz toll, dass sie jetzt richtig am Essen teilnehmen darf und hüpft deshalb ständig aufgeregt im Sessel auf und ab, in Erwartung des nächsten Löffels, der sich auf diese Weise aber besonders schwer bis zum Mund bugsieren lässt. Womit wir wieder bei dem oben angesprochenen Fleckenproblem wären.

Begleitet wird dieses fast schon choreografierte Chaos nicht nur von meinen Schreckensrufen, wenn ich wieder einmal zu langsam war, um an zwei Stellen gleichzeitig Schadensbegrenzung zu betreiben, sondern auch  von Tischgesprächen der besonderen Art, nämlich jener, an der sich Kleinkinder beteiligen.

Aber das ist eine andere Geschichte