Wanderer gehen über die Szene.

Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,
Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet –
Denn hier ist keine Heimat – Jeder treibt
Sich an dem andern rasch und fremd vorüber,
Und fraget nicht nach seinem Schmerz

Schiller, Friedrich: Willhelm Tell. 4. Aufzug, 3. Szene

 

Endlich schafften wir es wieder einmal zu einem kurzen Ausflug in einen nahegelegenen Wald. Es war Spätherbst: Bunte Blätter auf dem Waldweg, ein windstiller Nachmittag, tiefstehende Sonne, kaum Wolken. Unsere zweieinhalbjährige E war mitten in der Trotzphase und jede Kleinigkeit brachte sie aus dem Gleichgewicht. Es waren wirkliche Lappalien, die Anlaß für Weinkrämpfe und Schreianfälle sein konnten. Doch dieser Nachmittag schien fast ein bißchen etwas von der Familienidylle zu besitzen, die ich mir immer ausgemalt hatte, wenn ich an Muttersein und Familie-haben gedacht hatte.

Dass die Wirklichkeit ganz anders war, hatte ich in Ermangelung von Freunden und Verwandten mit Kleinkindern in meiner Umgebung nicht erwartet. Die Realität von „Familie mit Kindern“ erlebte ich als ein starkes Auf und Ab der Emotionen – bleierne Müdigkeit (v.a. in den ersten Monaten, solange E und dann Z Säuglinge waren), Verzweiflung an der eigenen Inkonsistenz in der Erziehung in dem scheinbar sinnlosen Bemühen, den Weg zur richtigen Erziehung zu finden. Schließlich der häufige Verzicht auf eigene Unternehmungen. Doch der Lohn für all diese Anstrengungen: wunderbare Momente mit den Kindern, das staunende Miterleben ihrer unglaublichen Entwicklungsschritte.

Ja, das alles traf mich – den Warnungen meiner Schwester zum Trotz, die zumindest schon beim Babysitten Erfahrungen gesammelt hatte, völlig unvorbereitet. Und auf meine große Schwester hörte ich ja nicht. In der ersten Schwangerschaft verschlang ich die verschiedensten Bücher über Erziehung und Babies und den Weg zum glücklichen Kind etc. Theorie sollte fehlende Erfahrung wettmachen. Die Erfahrungsberichte anderer Eltern und v.a. Mütter las ich dann erst, als E schon auf der Welt war und ich mich fragte, ob es auch andere gab, die Gleiches erlebten und empfanden. 

Meine Großnichten und -neffen jedenfalls leben einige hundert Kilometer entfernt und als sie klein waren, war ich selbst fast noch ein Kind. Von meinen Freunden hatte noch kaum eine(r) ein eigenes Kind und wenn doch, dann traf man sich kaum noch, denn ich wußte nichts mit den lieben Kleinen anzufangen und ihre Eltern kaum noch etwas mit mir zu reden, da mich die Kinderthemen und Erziehungsfragen nicht interessierten.

Wir waren also im Wald unterwegs. E war fröhlich, einmal auf Papas Schultern, dann wieder selbst zu Fuß unterwegs oder auf dem Mitfahrbrett des Kinderwagens, in dem die kleine Schwester schlief. Da verdächtig viele Autos zu der Hütte am Ende des Weges an uns vorbei fuhren, darunter sogar ein ganz offensichtlich nicht mehr nüchterner Autofahrer (Typ: Wenn ich nicht mehr gerade stehen und gehen kann, fahre ich halt mit dem Auto zum nächsten Gasthaus, da kann ich mich unterwegs zumindest am Lenkrad festhalten), beschlossen wir kurz vor der Hütte auf einer Bank bei einer Gedenktafel unsere Jause zu essen und danach wieder umzudrehen. Die Gesellschaft, die uns bei der Hütte erwartet hätte, schien nicht einladend. Gesagt, getan. E plapperte, während sie ihren Apfel aß und wir hatten eine sehr nette Rast. E war auch noch zu jung, um zu merken, dass wir den „Höhepunkt“ unseres Ausfluges (Hütte mit Spielplatz) ausfallen lassen würden.

Dann machten wir uns auf den Heimweg. E hielt noch den Apfelbutzen (also das Kerngehäuse) in der Hand, wollte aber wieder in die Rückentrage zu Papa. Also nahm ich ihr den Apfelrest ab, warf den Butzen ins Gebüsch, um die Hände frei zu haben und setzte E in das Gestell . Und das war dann das Ende unseres erholsamen Ausfluges.

E brach in Tränen aus. Sie musste so weinen, dass sie erst gar keine Luft bekam und das Heulen und Schluchzen erst zu hören war, als sie mein Mann schon geschultert hatte. Wir waren ratlos. Was war passiert? Bis wir die tränenerstickten Worte verstehen konnten, waren wir schon ein Stück weit gewandert.

„Wieder haben! Wieder haben! Mein Apfel! MEIN APFEL!“

Ich hatte IHREN Apfel weggeworfen! Eine Katastrophe (aus Sicht einer Zweieinhalbjährigen).

Das Schreien und der Tränenfluß hielten an. Völlige Verzweiflung – bei Kind und Eltern. E war nicht zu beruhigen. Kurz überlegte ich, ob ich nun tatsächlich zurück gehen musste, ins Unterholz kriechen und einen Apfelbutzen suchen. Doch letztendlich konnten wir E davon überzeugen, dass ihr Apfelrestchen ein leckeres Mahl für die Eichhörnchen und Ameisen des Waldes war und diese wohl sehr traurig wären, wenn wir ihnen das wieder wegnehmen würden.

Ein Ausflug mit Apfeljause – was sollte da schon schiefgehen!