Reden wir darüber

Menschen, die Öffis benützen, kennen es zur Genüge. Hat man keine musikbeschallenden Ohrstöpsel drin, ist man auf Gedeih und Verderb den Unterhaltungen anderer Reisender ausgesetzt. (Unterhaltungs)wert hat dies meist nur bedingt. Oft weiß man gar nicht, was mehr nervt: Dass man nur die Hälfte der Kommunikation mitanhören kann, weil nur einen der telefonierenden Gesprächspartner neben einem oder auch ganz am anderen Ende des Wagons sitzt, oder dass man der ganzen Rede und Widerrede zweier oder mehrerer Personen lauschen muss und einfach alles mitanhört. Jedes einzelne „Joa, Alta. Geil, was?“

Gelegentlich würde man auch gerne den Hörer (id est das ganze Handy)  an sich reißen, und demjenigen am anderen Ende noch lauter und noch ein bisschen deutlicher klarmachen, dass sie es ja nun wirklich nicht so gemeint haben wird und Punkt!

Oder aber man möchte den werdenden Eltern, die sich voller Vorfreude ihre nahe Zukunft zu dritt ausmalen, ein paar Anekdoten über den Zombiestatus erzählen, in den man verfällt, wenn man 9 Monate nie durchschlafen kann, ihnen versichern, dass selbst modernste Windeltechnologien manchmal nicht ausreichen, um Überschwemmungen zu verhindern und vorrechnen, wie viele Kalorien man an Supermarktkassen abbauen kann, während das Kind einen Trotzanfall hat.

Aber dann tut man es doch nicht. Man will ja keine Träume zerstören.

Aber man könnte mal wieder die Freundin anrufen und nachfragen, wie es ihren Nerven geht in der Kinderkrankheiten-Quarantäne-Station, auf der sie vor Wochen gestrandet ist? Ja, das wäre eine Idee.

Blubb! macht es ganz leise, als würde eine Seifenblase zerplatzen.

So war es früher in Zug und U-Bahn.

Heute schaut es ganz anders aus.

Alle surfen mobil, schauen am Handy oder Tablet Film, schlafen oder starren Löcher in die Luft – schön brav und leise. Die immer kleiner werdenden Kopfhörer der 90er sind längst großen auffälligen Kopfschmuckdingern gewichen, die man farblich abgestimmt zum restlichen Outfit trägt.

Nur einer (oder eine) ist da im Wagon, der philanthropisch beschlossen hat, die Lautsprecherqualität seines Smartphones und den eigenen Musikgeschmack anderen näher zu bringen. Und immer ist es die Art Musik, die ich gar nicht mag. Mist!

Oder man setzt sich neben eine Gruppe Teenager, die alle schweigend auf ihren Handies rumwischen. Erst nach einiger Zeit bemerkt man, dass die eigentlich miteinander kommunizieren. Ganz ohne zu sprechen. Nur mittels Text und Fotos. Ganz vieler Fotos, die sie ständig voneinander und natürlich auch von sich selbst machen. Das kurze „Ich verstehe nicht, was du meinst“ von der Blonden hat sie verraten. Die Antwort wird getextet, eh klar.

 

 

12 Gedanken zu “Reden wir darüber

  1. „Gelegentlich würde man auch gerne den Hörer (id est das ganze Handy) an sich reißen, und demjenigen am anderen Ende noch lauter und noch ein bisschen deutlicher klarmachen, dass sie es ja nun wirklich nicht so gemeint haben wird und Punkt!“

    Ich pflichte oftmals dem Anwesenden Störer zu, wiederhole einzelne seiner Aussagen für ihn, und gebe ihm Ratschläge, vorzugsweise unter Analyse seiner Persönlichkeit und der Art seiner Beziehung. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist sein lautes Gehabe ein Schrei nach Hilfe. Um auch andere über seine Probleme zu informieren und sie dafür zu sensibilisieren, tue ich das gut hörbar. Gelegentlich frage ich ihn zudem, ob ihn die ganzen aufdringlichen Mitreisenden bei seinen Gesprächen stören. Teilweise stelle ich die Frage auch an seinen telefonischen Gesprächspartner.

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  2. Endlich weiß es auch mal jemand zu würdigen, wie segensreicher die Smartphones mitsamt ihren modernen Kommunikationswegen sind. Wobei du wesentlich sanfter bist als ich, was telefonierende Menschen angeht: Mein Wunsch ist immer, eine Darmspiegelung per Smartphonekamera durchzuführen. 🙂

    Gefällt 3 Personen

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