Persönlich

Jeden Tag gehen tausende Menschen denselben Weg wie ich. Und doch fand ich mich vor ein paar Tagen ganz alleine auf einer Rolltreppe wieder, und das am ehemals größten Bahnhof Wiens. Der Bulk aus meinem Zug hatte sich schon voraus geschoben, Richtung U-Bahn. Die späteren Züge waren noch nicht angekommen. Während Reisende und Pendler bereits wieder weg waren, wollten jene, die oben auf den Bänken herumsaßen, dies auch noch länger tun.

Als ich so ganz alleine auf der Rolltreppe stand, merkte ich plötzlich, wie es immer langsamer und noch langsamer bergab ging mit mir. Und dann blieb die Treppe fast stehen. Nur noch im Schneckentempo bewegten wir uns nach unten – die eisernen Stufen und ich. Mit eiserner Miene und eisernem Willen, eine Etage tiefer zu gelangen, zuckelte ich auf den Obdachlosenzeitungsverkäufer zu.

Sollte ich hüpfen, um der Rolltreppe klar zu machen, dass ich noch da war? Rufen? „Hallo, Welt. Ich bin noch da. Bitte nicht auf mich vergessen!“

Jeden Morgen versuchte der Zeitungsverkäufer auf diese Art und Weise auf sich aufmerksam zu machen. Aber nicht jeden Morgen erwiderte ich sein freundliches „Hallo“. Oft genug ignorierte ich ihn einfach.

Ich überlegte, die Stiege selbst hinunter zu steigen, statt letztendlich auf halbem Wege festzustecken, einer grotesken Lächerlichkeit preisgegeben. Immerhin hatte eine Treppe auf mich vergessen! Von einem Ding ignoriert zu werden, das nahm ich schon persönlich, denn es war ja kaum noch zu toppen. Da betrat ein weiterer Mensch oben die Treppe und der Antrieb kam wieder in Schwung. Das fehlende Rädchen im Getriebe.

Persönliche Ignoranz und ignorierte Persönlichkeiten – das kann als partielle Blindheit weh tun.

Aber manches sollte man nicht persönlich nehmen: Morgendliche Wutanfälle von Kindern in der Trotzphase, Verspätungen von Zügen oder vergessene Aufmerksamkeiten am Valentinstag (noch ist es nicht zu spät! 😉 )

regen
Das Wetter sollte man auch nie persönlich nehmen

 

7 Gedanken zu “Persönlich

      1. Wenn du etwas hast, dass bei dir ist – ein Gefühl, ein Gedanke – dann wirkt die Ruhe der Umgebung nicht wie Stillstand. (… Es sei denn das Gefühl oder der Gedanke ist eines/einer des Stillstands.) Ich hätte mich wahrscheinlich ein paar Minuten an die Rolltreppe gelehnt.

        Nebenbei, daran messe ich auch Personen, ob man mit jemandem still sein kann, ohne dass Leere entsteht.

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        1. Deinen letzten Satz (also von oben, hoffentlich nicht überhaupt) unterschreibe ich sofort, aber ich war unterwegs, sowohl physisch als auch in Gedanken. Gar nicht im Hier und Jetzt, sondern bereits in der Planung der folgenden Stunden. Der Weg bis dorthin war mir nur ein notwendiges Übel. Man könnte auch sagen, es war eher ein Zustand des Gehetztseins, als der ruhenden Kontemplation 😉
          Um Ruhe genießen zu können, brauche ich auch die richtige Stimmung, die kommt bei mir in einer (mir nicht sicher scheinenden) Bahnhofshalle eher nicht auf.
          Denke ich aber an Urlaub und große, gläserne Bahnhöfe, hätte ich die Situation vermutlich genießen können, statt mich veräppelt zu fühlen 🙂

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          1. „Deinen letzten Satz (also von oben, hoffentlich nicht überhaupt) …“ Nicely done, du schönes Versatzstück.
            Ich stimme dir zu. Die Kulisse alter Kultur kann einem Sicherheit geben, oder ein Begleiter gibt sie dir. Kälte gibt keine Wärme; sie macht Wärme schöner. Stillstand gibt keine Geborgenheit, macht sie aber schöner. Der Szene hat etwas gefehlt, und du wurdest auch noch zum Szenenwechsel gezwungen. Arme Muse.

            — Du kannst dem Veräppelt-Werden durchaus etwas abgewinnen.

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  1. Ich finde, man sollte den Valentinstag auch nicht persönlich nehmen. Der Herr Valentin hat in der einen wie der anderen Version dieses Heiligen am Ende sehr kopflos agiert. Das ähnelt der Liebe zwar, aber muss man sich ja nicht unbedingt als Vorbild nehmen, oder? 😉
    Aber die Sache mit der Rolltreppe ist großartig. Ich hätte mich wohl nach der versteckten Kamera umgeschaut.

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