Schweigen und Vergessen

Über manche Dinge spricht man nicht, weil man gar nicht wüsste, wie man sie in Worte fassen könnte. Sei es, weil sie einem selbst nahe gehen, sei es, weil es gerade nicht passt und man die Stimmung nicht verderben will. Oder aber, weil die Kinder noch viel zu jung sind dafür.

Es gibt wohl vieles, das einem am Herzen liegt, das man aber doch lieber für sich behält. Dann bleibt es liegen, nahe am Herzen und schwer auf dem Gemüt. Manches davon gräbt sich ein wie eine Inschrift, anderes sinkt tiefer und tiefer ins Vergessen.

Episoden aus der Familiengeschichte können so etwas sein, die schwarzen Schafe unter den Vorfahren oder schwere Schicksalsschläge.

Die unmittelbar Betroffenen sind eines Tages nicht mehr greifbar. Dann wird aus dem persönlichen Stück Geschichte allmählich ein Teil der allgemeinen Historie des Landes, der Gesellschaft  – abstrakt, in die Ferne gerückt, verschwommen. Fragmente bleiben, aber man kann sie kaum noch zu einem Ganzen zusammensetzen. Dokumente tauchen irgendwann wieder auf, beim Umzug oder wenn man den Dachboden aufräumt.

Man faltet das vergilbte, brüchige Papier auseinander, liest, staunt. Erinnerungen werden wach. Danach packt man alles schweigend wieder ein.

Gegen das Vergessen wird der Brief fein säuberlich wieder an seinen Platz zurück gelegt, aber gesprochen wird nicht darüber.

Noch nicht.

Aber vielleicht irgendwann.

17 Gedanken zu “Schweigen und Vergessen

  1. Wenn ich jetzt schreibe, dass schweigen und vergessen in dem Fall vielleicht besser ist, setze ich mich mit Sicherheit in die Nesseln. Die Zeit war schlimm, ohne Frage. Es haben die Betroffenen genug gelitten. Das Vergessen schafft Heilung und Platz für Neues.

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    1. Vergessen ist vielleicht nicht der beste Weg, wobei vergangene Gräuel auch irgendwann in Vergessenheit geraten (müssen). Doch es finden ja ähnliche Situationen (Vertreibungen) überall auf der Welt auch in der Gegenwart statt, nur nicht immer mit schriftlicher Vorankündigung (sondern eher mit unmittelbarer Waffengewalt oder durch Angst und Schrecken). Daher würde ich eher dafür plädieren, nicht zu vergessen, aber die Erinnerung nicht zur Blockade einer Weiterentwicklung werden zu lassen. Also mehr ein „Aus Erfahrung wird man klug“ oder im Sinne von: Wissen und dadurch in Zukunft klüger/anders handeln (wenn das nur so leicht wäre).

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  2. Sehr gedankenweckend vermittelt. Und besonders der Punkt mit der allgemeinen Historie scheint mir besonders wichtig. Es wird ja in Geschichtsbüchern darüber berichtet. Sagt man. Es wird nicht vergessen. Sagt man. Doch die erschütternden Einzelschicksale werden in der anonymen Summe kleiner und kleiner. Ganz abgesehen davon, dass Geschichtsschreibung ja immer die Handschrift der Schreibenden (und ihrer Auftraggeber) trägt, überkleistert man das tatsächlich Geschehene mit einem Datenwust. Es ist, um ein ganz anderes Bild zu verwenden, als wollte man aus der Bilanz eines Spielwarenherstellers herauslesen, was ein Teddybär für ein Kind bedeutet.

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  3. Hallo, in unserer Familie gibt es auch solche Fundstücke. Meine Großmutter lebt noch und deshalb sortieren wir das jetzt gemeinsam, recherchieren fehlende Daten und reden darüber. Ich musste nicht erst 41 Jahre alt werden, um zu begreifen, was es für sie bedeutet hat. Aber ich musste 41 Jahre alt werden, um mit ihr darüber reden zu können, um mit ihr weinen zu können und um mit ihr Arm in Arm darüber schweigen zu können.

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  4. ein sehr schöner Text, mit dem stummen Dokument darüber, in dem so viel Leid verborgen ist. Man braucht nicht zu wissen, von wem die Verordnung kam und wen sie betraf, um das Ausmaß des Kummers zu begreifen – und die Tiefe des Schweigens darüber.

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