abc-Etüden: Etwas Chaos und der Schlag eines Schmetterlingsflügels

Meine Vergesslichkeit treibt so manche Blüte, nur Stil hat sie nicht. Die Organisation meiner Agenden hat enormes Verbesserungspotential nach oben. Zu manchen Worten fallen einem so viele Geschichten ein, dass man sie nur dosiert auf die Leserschaft loslassen will. Wenn man dann jedoch vergisst, die … abc-Etüden: Etwas Chaos und der Schlag eines Schmetterlingsflügels weiterlesen

abc-Etüden: Unpassende Zusammenziehung

Was haben Stilblüten gemeinsam? Sie verbinden zum Beispiel Worte auf eine Art, wie sie nicht verbunden werden sollten. Und sie verbindet die Gedanken von Bloggern über Landesviertelgrenzen hinweg, wie sie wohl schon verbunden sein dürfen –  ein lieber Gruß an Vro an dieser Stelle 🙂 Lese ich „Stilblüte“, denke ich an die Deutschstunden in der Schule.

Christianes Schreibeinladung diese Woche erscheint mir alles andere als banal. Ein Aufruf zu Stilblüten? Wenn das mal kein Wildwuchs an Worten gibt, wo es doch nur maximal 10 Sätze sein dürfen rund um die 3 Wörter, die diesmal von Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) kommen: Stilblüte, banal und jodeln.

Lese ich „jodeln“, muss ich an (klägliche) Jodelversuche zu Hause in der Küche denken. Meine Mutter, eine waschechte Tirolerin, wollte uns Kindern das Jodeln beibringen. Ein Vorhaben, das von meinem Vater (dem Stadtmenschen) nur milde belächelt wurde. Wenn ich daran zurückdenke, muss ich lächeln: Danke, Mutti! Danke, Papa!

Nach der Illustration von Herrn lz  (ludwigzeidler.de) geht es los mit der Minimalprosa:

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„Wenn dir die Definition eines Begriffs nicht gleich einfällt, dann sagst du einfach »Das ist banal, wer kann dem Kollegen helfen?« und lässt einen anderen Schüler die Frage beantworten.“

Diesen Rat gab ihm sein alter Vater mit auf den Weg an seinem ersten Tag als Lehrer.

Er nickte nur, lächelte und dachte für sich, wie stark sich die Welt doch geändert hatte, seit sein Vater zuletzt unterrichtete hatte.

Ehrfurchtsvollen Respekt vor dem Professor, große hierarchischen Unterschiede zwischen Schülern und Lehrern gab es ja schon lange gar nicht mehr im Klassenzimmer, heute begegnete man der Jugend auf Augenhöhe, und außerdem wussten schon Grundschüler wie man Wörter am Handy googelte, wenn man sie nicht kannte.

Mit einem flauen Gefühl im Magen trat er vor die Teenager und staunte, dass es still war im Raum, sehr still sogar, während 24 Augenpaare ihn schweigend anstarrten, darauf lauernd, ihn für seinen ersten Fehler wie Hyänen zerfleischen zu können.

Er schmunzelte über das Zeugma, das er gerade in Gedanken formuliert hatte, griff zur Kreide, um seinen Namen und das Thema der Stunde an die Tafel zu schreiben und erschrak über seine eigene Stimme, die vor Aufregung mehr einem Jodeln glich.

„Heute sprechen wir über den Unterschied zwischen Zeugma und Stilblüten“ erklärte er, um durch die Fokussierung auf das Thema an Selbstsicherheit zu gewinnen, aber die Mädchen hatten längst alle ihre Smartphones gezückt, um die Worte zu googeln (so hoffte er zumindest, oder schrieben sie einander schon Nachrichten?) und ein paar Burschen murmelten breit grinsend so etwas wie „Dann zeug ma mal den Stiel, meiner ist sicher der größte“ oder „Mit meinem Stiel und deinen Blüten zeugma was Kleines!“.

Er fühlte Panik in sich aufsteigen, aus Angst, er könnte schon in der ersten Stunde völlig die Kontrolle über die Klasse verlieren und hörte erstaunt sich selbst sagen: „Der Begriff Stilblüte ist hoffentlich so banal, dass ihn alle kennen und definieren können?“, womit nach einem kurzen allgemeinen Raunen die Stille der Furcht davor, aufgerufen zu werden, in den Klassenraum einkehrte.

„Danke, Papa!“ dachte er und atmete erleichtert auf.

abc-Etüden: Schina, Kinda!

Hoppla, da hatte ich ja noch etwas angefangen, aber nicht rechtzeitig fertig bekommen. Nun ja, dann muss ich es wohl ein bisschen adaptieren, was jetzt nicht so banal war, wie zu 45 noch 1 hinzuzählen, damit aus der Etüde der Textwoche 45 eine abc-Etüde der Textwoche 46 wird. Eingeladen dazu hat wie immer Christiane, die Grafik hat Herr lz (ludwigzeidler.de) beigesteuert und die – in diesem Ausnahmefall 6 Worte – kamen von Elke H. Speidel (transsilabia.wordpress.com) und Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com)

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„Mama, wusstest du, dass die in Deutschland Schemie und Schinesen sagen und nur wir in Österreich das als Kemie und Kinesen aussprechen?“

Das Mädchen dreht gedankenverloren ein leuchtend gelbes Ahornblatt zwischen seinen Fingern hin und her und stupst einen Feuerkäfer an, der den Baumstamm hinauf krabbeln wollte, aber nun vor Schreck erstarrt.

„Schina, Schemie, isch lach misch kringelig!“ ruft sie und sieht zu, wie das Ahornblatt lautlos, sich drehend zu Boden fällt.

„Sich kringelig lachen ist aber auch sehr piefkinesisch oder besser gesagt piefschinesisch!“

Mama lacht kurz laut auf, weil sie den eigenen Witz (natürlich) gelungen findet, räuspert sich und teilt mit der Tochter sodann etwas altklug die banale Weisheit, dass eine gemeinsame Sprache auch das trennende Element sein kann:

„Viele Deutschsprachige können sich untereinander kaum verstehen, bei Schwitzerdütsch bräuchten wir genauso Untertitel wie bei den Vorarlbergern und Osttirolern, und den Norddeutschen wird das Jodeln der Alpenbewohner eher  fremdartig erscheinen.

In richtig großen Ländern sind die Dialekte aber sogar noch viel unterschiedlicher und so wird sich ein Chinese, der auf Chinareise geht, auch sehr schwer tun, alles überall zu verstehen, und in Indien werden überhaupt gleich ganz verschiedene Sprachen gesprochen.“

 

„Aber Mama, warum sollte denn ein Chinese eine Chinareise machen?“ fragt E und fährt ohne auf meinen Vortrag über das Phänomen des Binnentourismus zu warten fort, mir zu berichten, dass sie heute auch eine neue Sprache – nämlich die Lautsprache – gelernt habe, die man immer laut aussprechen müsse.

„Na dann wollen wir jetzt noch ein paar Stilblüten pflücken, und danach gehen wir ins Haus, um zu Abend zu essen“ schlage ich vor und grinse breit, weil ich schon ahne, dass mir die Tochter gleich einen ganzen Strauß voller kahl gerupfter Stiele bringen wird.

How not to: Spamfilter und Telefonterror

Ein Krimi ist nur dann richtig spannend, wenn sich langsam Puzzleteil an Puzzleteil fügt und es irgendwann plötzlich einen Aha-Effekt in Bezug auf das Gesamtbild gibt.

Weiters nimmt die Tragik zu, wenn ein Unbescholtener in einen Strudel aus kriminellen Machenschaften verwickelt wird oder zumindest nicht der Paradegauner den Bösewicht gibt.

Was das mit mir zu tun haben könnte? Das kann ich an dieser Stelle auch nicht so genau sagen, aber fangen wir doch am Anfang an:

Es war Sommer.

Eine junge, hübsche Frau, oder zumindest eine liebevolle Mutter, kramt die Badesachen für ihre entzückenden Kinder aus dem Schrank, nur um festzustellen, dass natürlich alles längst zu klein geworden ist. Kinder werden nicht nur lauter, etwas frecher und selbständiger, sondern auch größer. Panisch – da sie natürlich sonst immer alles im Voraus wunderbar geplant hat – stürzt sie zum Computer und blättert sich durch Seiten voller rosa-Prinzessinnen-Bademode. Ehe ihr ganz glitzerlila vor Augen wird, drückt sie auf „Jetzt kaufen“ und erwartet ungeduldig die baldige Zustellung der Ware.

Einer, der immer seinen Senf dazu geben möchte, nennen wir ihn Estragon kommt vorbei und ruft: Komm, wir gehen!

Wie-wird-mir nur, ich antworte: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wer-wenn-nicht-ich: Wir warten auf die Badehose!

Estragon: Ah!

So ähnlich spielte sich die Warteszene (von Beckets Warten auf Godot) ab, bis eines Tages endlich die heiß ersehnte Badehose an einem noch heißeren Tag eintraf. Im Endeffekt war sie noch etwas zu weit, aber der Sommer hatte bereits voll an Fahrt aufgenommen.

UV und andere Filter

Möchte man etwas ausblenden, dann benützt man Filter. Beim Kaffee genauso wie für oder noch besser gegen Spam. Der effektivste Spamfilter ist es natürlich, erst gar nicht E-Mails zu lesen. Sie sind eine potentielle Gefahrenquelle lehrte uns der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf (und auch die Präsidentschaft) und sollten daher nur mit Vorsicht genossen werden.

Die zweite Methode, sich nicht belästigen zu lassen von Zuschriften, besteht darin, selbige einfach eine Zeit lang zu ignorieren. Über das Smartphone sind wir ja eh schon rund um die Uhr erreichbar, da wird man ja wohl die Briefe noch öffnen dürfen, wann man will. Und die Cooling-Off-Periode sollte nicht nur (beim Waffenkauf und) nach dem Kochen vor dem Essen eingehalten werden, auch das Prädikat „gut abgelegen“ enthält ein „gut“ und ist folglich als solches zu bewerten.

So kam es, dass ich im November eine Zuschrift mit dem roten Vermerk „WICHTIGE MITTEILUNG“ endlich öffnete und feststellte, dass es sich nicht um einen Gutschein mit Ablaufdatum handelte, sondern um eine der letzten Mahnungen.

Schluck! So rutscht man als anständige, brave Mutter und Hausfrau mit einem Bein plötzlich Richtung Kriminal, wo man sich doch gerade noch Gedanken machte über die nächste Onlineshopping-Session für die Wintermode. Die musste jetzt erst einmal warten.

Gründliche Recherchen und ein einziger Blick in die Mailbox zeigte dann, ich war schon viel früher auf den Umstand aufmerksam gemacht worden, dass ich vergessen hatte, zu bezahlen. Nun las sich das Schreiben aber mittlerweile so, dass mir demnächst der Exekutor vorbeigeschickt würde und ich auf die für-immer-und-ewig-in-Onlineshopping-Ungnaden-gefallen-Liste gesetzt würde.

Der kleine Nachsatz: „Sollten Sie Zahlungen nach dem soundsovielten gemacht haben, können Sie dieses Schreiben [aka Drohbrief] selbstverständlich ignorieren und fröhlich bei uns weitershoppen.“ kam mir ehrlich gesagt ein bisschen doppelmoralisch vor, aber sei’s drum.

Der offene Rechnungsbetrag hatte sich ebenfalls längst verdoppelt und ich sah mich im Geiste schon einem schlagkräftigen Trupp netter Inkassobüromitarbeiter gegenüber, ehe ich mich – ruck, zuck – zur Bank(webseite) begab, um meine Schulden zu begleichen.

Epilogisch – eh fast logisch

Das Übel wurde also wie bei einem Agatha Christie Thriller durch das beherzte Eingreifen meinerseits im letzten Moment noch abgewendet, meine Karriere als böser Schuldner vorzeitig beendet. Doch so ein Erlebnis prägt. Es hinterlässt Spuren und vor allem einige Fragen:

Wie konnte ich all die gesendeten Zeichen übersehen?

Warum bin ich nicht besser organisiert?

Werde ich jemals wieder bei diesem Versandhandel ehrenvoll einkaufen können oder haftet nun das Stigma des vergesslichen Zahlers an meinem Namen?

Ach, hätten sie mich doch nur ein einziges Mal angerufen, und die Sache wäre schon viel früher aus der Welt zu schaffen gewesen, dachte ich fast schon ärgerlich, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel:

Die letzten Monate war ich einem Telefonterror dieser Firma ausgesetzt gewesen, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Tatsächlich war ich bereits drauf und dran, mich über mögliche rechtlichen Schritte gegen diese dauernden Belästigungen schlau zu machen. Schlau wäre aber gewesen, das Telefonat einmal anzunehmen. Dummerweise ist der Telefonempfang im meinem Büro denkbar schlecht und so hatte ich immer nur die Nachricht am Handy, dass mich eine dubiose Nummer wieder und wieder versucht hatte anzurufen. Wenn ich gelegentlich sogar zurückrief, weil ich die Nummer noch immer nicht sofort als Spam erkannte, kam ich in eine Warteschleife und außer der Dudelei irgendeines Kaufmotivierungssonsgs hörte ich die Werbung des Versandhändlers meiner Wahl, womit für mich klar war: Aggressive Werbung, keinen Rückruf wert, brauche ich nicht ans Telefon zu gehen.

Ihr erkennt meinen Gedankenfehler?

Ja, sie haben nicht nur einmal versucht mich daran zu erinnern, dass ich zahlen sollte. Sie haben es wieder und wieder und wieder und noch viel öfter getan und ich habe alle telefonischen, auf Papier oder per E-Mail geschriebenen Warnungen ignoriert.

Ich bin die Königin der Spamfilter, der onlineshoppende Eremit des 21. Jahrhunderts!

Und im nächsten Sommer wird die Badehose hoffentlich passen, dann darf sie die Tochter jeden Tag anziehen – so ein teures Kleidungsstück fürs Freibad habe nicht einmal ich im Schrank!

sommernachmittag

Der letzte Sommer ist schon lange her, bis zum nächsten dauert es sogar noch ein bisschen länger, aber die Rechnungslegung hat mir jetzt zur Fasthalbzeit, im trüben November, einen teuren Gruß an den Sommer geschickt.

Hätte ich doch nur die Rechnungen nicht verlegt 😉